Sonntag, 11. Dezember 2011

Ein Dezember-Nachmittag im Märchen

Ein kleiner Zwischenstopp in der Mokkaria in Frankfurt-Bornheim. Gerade so fast auf meinem Weg zwischen Bergerstraße und Prüfling, wo ich noch einen Abendtermin mit einem möglichen Auftraggeber habe. Ich hatte schon von dieser kleinen Oase gehört, aber es noch nie dorthin geschafft. Neben dem aufgemotzten ehemaligen Straßenbahndepot in der Heidestraße, wirkt der Eingang eher klein und unscheinbar. Und doch, diese kleinen, kugeligen weißen Lämpchen, die nur ganz leicht an Aladdin's Wunderlampe denken lassen, ziehen mich magisch an.



Eingetreten, zögere ich ein wenig, unsicher, ob ich an den Kaffeehaustischlein entlang der Theke Platz nehmen soll oder weiter hinten im kleinen orientalischen Salon. Die marokkanischen Teetische mit den schön gearbeiteten  Messingplatten gewinnen gegen Marmor - und ich platziere mich in ein Eckchen gleich rechts neben der Theke, schwer einsehbar und gemütlich und bestelle einen grünen Tee mit Zitronengras im gläsernen Samowar. Es tut gut, sich in die weichen Polster zu schmiegen. Sie sind schön gemustert, Blumenornamente in Türkis und Bordeaux. An den Wänden typisch marokkanische Sternenornamentik, weiß auf hellem Grau.


Wie im Märchen, denke ich - und dabei gar nicht verstaubt. Die Musik einer Wüstenflöte lässt mich an diesen Film denken "Der englische Patient". Der kleine Raum hier mitten im kalten Bornheim wäre der perfekte Ort für eine solche Szenerie: Ein Liebespaar, das sich ein, zwei Stunden stibizt und der Welt da draußen, mit ihrer Geschäftigkeit und ihrem Streben für kurze Zeit verlorengeht. Natürlich wäre es ein nicht so ganz legales Liebespaar. Wahrscheinlich wären beide verheiratet und der Zufall hatte sie an einem Nachmittag in der übervollen S-Bahn zusammengespült. Eine plötzliche Berührung hatte sie Worte finden lassen und es hatte sich eine lebendige Unterhaltung entwickelt, die sie irgendwo fortsetzen wollten, ganz arglos noch. Sie hatten sich orientalischen Mokka bestellt, der hier auf heißem Sand zubereitet wird. Alles war plötzlich neu und schön und die beiden unterhielten sich über Reiseerlebnisse in fernen Ländern, über den Geschmack fremder Speisen. Ihre Hände fuhren ein wenig nervös die Blumenornamente auf den Polstern nach und verschlangen sich fast zwangsläufig ineinander. Und irgendwann sahen sie sich in dem Halbdunkel mit großen Augen an und fanden keine Worte mehr.


Ein schöner Anfang für eine Kurzgeschichte, denke ich, als mich Worte wie I-phone, App und D1-Netz aus dieser Vorstellung heraus sehr schnell wieder in die Wirklichkeit befördern. So würde es meinem Liebespaar wohl auch gehen, denke ich. Denn so ein fast vollkommener Augenblick kann einfach nicht ewig andauern. Sonst besäße er nicht diesen Zauber.

Ich zahle an der Theke und vor mir stehen drei Silbertabletts mit süßen orientalischen Leckereien, die nur so von Zuckersirup und Rosenwasser triefen. Vielleicht sollte ich mir ein paar aussuchen und doch diesen Augenblick noch andauern lassen? Jedenfalls werde ich wiederkommen!

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