Mittwoch, 23. Mai 2012

Ein bisschen Kitsch

Eine Nacht, wie wir sie nur ein paarmal im Jahr haben. Von drinnen schwingt Latino-Musik. Die Luft ist lau mit einer ganz zarten Brise und jenseits der Berliner träum' ich mir das Meer. Stimmen flattern, ein Flugzeug dröhnt, Autos brausen. Ich stelle mir bonbonfarbene Cadillacs vor, wie in Havanna. So ähnlich könnte es dort an irgendeiner unbedeutenden Ecke aussehen - alte und neue Gebäude einträchtig nebeneinander, ein bisschen postmodern ein bisschen abgewetzt, irgendwie schön. 


Neben mir eine alte Hausmauer in korallenrot und sonnengelb, in ein paar Metern Entfernung ein leuchtendes Lidl-Schild und die grelle Werbung vom Cinemaxx. Gegenüber ein Haus aus den Sechzigern, azurblau und ein restauriertes Fabrikgebäude, hellgrau. Wie heißt noch dieser berühmte Boulevard in Havanna?


Die Bedienung zündet die roten Windlichter an. Sie trägt korallenrote Sandalen, hat zimtfarbene Haut und goldblondiertes Haar. Sie könnte Kubanerin sein, mit ihrer weiblich runden Figur, die sie mit Würde trägt. 


Die hohe, kehlige Stimme von Ibrahim Ferrer dringt an mein Ohr und singt etwas von Curazon. In der Luft liegt ein Duft von gegrilltem Tintenfisch und Rasierwasser - vom Tisch gegenüber. Dort sitzen zwei Herren beim Essen. Ein Messer quietscht auf dem Teller. Der rechte der Beiden ist schlank und gutaussehend. Er ist komplett in meerblau gekleidet, trägt ein langärmeliges Hemd. Die offenen Manschetten und die Segeltuchschuhe in der gleichen Farbe verraten eine gewisse Eleganz. Der linke ist untersetzt und hat krauses schütteres Haar. In seinem weißen T-Shirt zeichnet sich ein weicher Bauch ab. Seine Kleidung wirkt plump und leicht verschwitzt. Trotz ihrer Unterschiedlichkeit oder gerade deswegen unterhalten sich die beiden sehr angeregt. Der Gutaussehende berlinert oder östelt jedenfalls irgendwie, seine Rede wirkt sympatisch. Der Andere schwäbelt und wirkt etwas besserwisserisch. Vielleicht Messegäste von der Imex drüben in Frankfurt, die froh sind, um ein günstiges Hotel. Der Gutaussehende klingt bescheiden. Ich denke, er weiß gar nicht, dass er gut aussieht.  Sicher wäre er erstaunt, wenn man es ihm sagen würde.



Hinter mir leuchtet eine Kunstpalme in rot. Ich mache ein Foto und  wechsele ein paar Worte mit der Bedienung, lobe die Palme. Einige finden Sie kitschig, sagt sie. Ein bisschen Kitsch muss sein, sage ich. Sie lächelt und trägt ein paar Gläser weg. Eine ältere Frau auf einem Fahrrad biegt um die Ecke. Sie singt mit einer schönen Altstimme ein altes italienisches Lied. Es ist eine Nacht, in der man einen Liebhaber treffen möchte. 



Am letzten Tisch zeigen sich drei junge Frauen mit dunklen Locken gegenseitig ihre SMS-Nachrichten und lachen zwischen gelben Cocktails. Vielleicht Marokkanerinnen, vielleicht Pina Colada. Manchmal habe ich schon daran gedacht wegzuziehen, weg von Chaos und Flugzeugen. Aber, was sollte ich anfangen, ohne diese verrückte Stadt, in so einer Nacht? Ich weiß es nicht.


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