Donnerstag, 6. September 2012

Sechster September Zehnuhrneunundvierzig

Diese Herbstmorgenstunden sind köstlich. So frisch und verheißungsvoll lichtdurchflutet. Sie versuchen einen zu täuschen darüber, dass es doch schon spät im Sommer ist, sehr spät. Um diese Jahreszeit quillt der Garten über und ich beschließe auf dem Rückweg, die Abbiegung in die Helene-Mayer-Straße zu nehmen. Es gilt Zucchini und Auberginen vor Übergröße zu bewahren und klein und zart in meinem Körbchen nach Hause zu retten. 



Am Bahndamm gegenüber des Seniorenheims steht ein alter Lederkoffer, ein sehr alter. Auf jeden Fall Vorkriegsware. Für so was hat man als Einwohnerin einer Lederstadt einen Blick. Ein schönes Stück, das ich sofort mitnehmen würde, aber leider sind alle Nähte zerschlissen, so dass es bald in seine Einzelteile zu zerfallen droht. Ich inspiziere den Koffer genauer. Vorne zwischen den Schlössern sind die Initialen J. P. zu erkennen. Handelt es sich dabei wohl um einen Mann oder eine Frau? Jean oder Johanna - das waren so Namen von damals. Mein Opa hieß Jean. 

Vielleicht hat der Koffer einem der Insassen aus dem gegenüberliegenden Seniorenheim gehört, geht es mir durch den Sinn. Das ganze Leben bemüht man sich um die Mehrung seiner Habseligkeiten und irgendwann ist man soweit, dass man nur so viele Dinge mitnehmen darf, wie in einem Koffer Platz haben. 

Ob noch etwas drinnen steckt? Ich halte den Atem an und betätige die Schlösser. Wie, wenn ich etwa einen scheußlichen Fund machte? Klapp rechts, klapp links und einen Spalt breit öffnen. Nichts, rein gar nichts, noch nicht mal ein Fleck. Schade, denke ich und verschließe die Schlösser wieder sorgfältig für den Nächsten.

Im Garten weicht meine Enttäuschung schnell dem Licht, das auf Blüten und Blättern spielt.



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