Dienstag, 3. Januar 2017

Berlin: Ein Fenster zur Stadt in der Brunnenstraße


Ich sitze in der Galerie Art von Frei in der Brunnenstraße und schaue raus. Mein Blick fällt auf Nr. 10 gegenüber mit der Aufschrift: "Dieses Haus stand früher in einem anderen Land" und den Hinweis zur U-Bahn-Haltestelle "Rosenthaler Platz". Rechts daneben ein kleines Leuchtschild mit dem Hinweis "Jewelry", links daneben ein Chinesenladen mit Tee und allerlei Heilmitteln. 

Es gehen Menschen vorbei, die mich nicht sehen. Sie sind beschäftigt mit sich selbst, denken an Dinge, die sie schnell erledigen müssen, obwohl das neue Jahr erst wenige Tage alt ist. Nur ein paar achten auf die Lichter in der Galerie, nur wenige bleiben stehen, um genauer zu sehen, was sich hier mit der Installation von Geet Chorley abspielt. Für mich ist das Licht eine Art Stimmungsbarometer. Es wechselt von Blau über Violett nach Weiß und Türkis zu Gelb und Rot. Das ist wie ein Tag im Zeitraffer oder sogar ein Jahr. Das Licht macht die Wintertage erträglich, macht sie irgendwie zauberhaft, lässt mich irgendwie denken an "die blaue Stunde", an Henry Miller und seine Beschreibungen von Paris. Er schrieb, dass die Stadt der Liebe vor allem eine graue Stadt sei. Diese Beobachtung kann man ebenfalls in Berlin machen. Berlin ist eine graue Stadt und die Menschen empfinden wohl auch irgendwie grau. Es ist anders als Wien. Wien ist vor allem eine goldene Stadt - und der Glanz ist fast überall zu spüren. In Berlin ist das Ungeschlachte, Unfertige, Unbeachtete überall zu sehen und schon die Vorsilbe "Un-" sagt ja so einiges aus. Aber Berlin kommt mir seit Jahren vor wie eine Stadt im ständigen Werden und das ist das Spannende daran, die ständige Wandlung. Am Rosenthaler Platz geht die Torstraße ab, eine große mehrspurige Straße, die eine Allee sein könnte oder ein Boulevard, aber dazu ist sie zu unwirtlich, wenngleich nicht uninteressant. Ich habe sie schon Abschnittsweise erkundet, war in einem Café und in einem Vintageladen mit sehr hübschen Taschen und einem charmanten Betreiber, in einem kleinen Laden mit einer japanischen Schneiderin, die aus alten Stoffen von überall aus der Weilt Halstücher macht und Stolen und Mützen und sogar Kleider. Diese Gegend hier links vom Rosenthaler Platz ist noch etwas rau, sie hat das Raue, das hier früher allgegenwärtig war.



 
                       
Wenn man weiter Richtung Hackesche Höfe läuft, wird die Straße schicker, da sind die Kanten abgeschliffen, die Fassaden neu verputzt, die Graffities getilgt, Rosenthaler heißt sie dann und die Coolness mit Fusion-Restaurants und hippen Boutiquen hat sich breit gemacht. Manche Läden sind auch wirklich originell wie der vietnamesische Burger-Imbiss "Sixtyseven Junkfood". Die Inneneinrichtung versetzt einen tatsächlich in eine Straße in Saigon, rote Lämpchen verbreiten warmes Licht, von der Decke hängt Wäsche und überall stehen große Gläser mit eingelegten Eiern, Zitronen, Chilis oder Gurken. Es geht dort auch so zu wie in einem vietnamesischen Imbiss, immer viel los, immer laut, immer irgendeine Speise gerade aus. Bei mir waren es die Rollen, die es nicht mehr gab, also aß ich einen Bun Bao Burger mit gebratenem Tofu. Er war ziemlich lecker und dazu leicht, weil aus Reismehl und ohne Fleisch. 







Wenn man weitere geradeaus äuft, ist es Richtung Mulackstraße immer noch recht interessant. Modeläden, die zum Stöbern anregen und weitere gastronomische Ziele, meist vietnamesischer und italienischer Provenienz. Das erste mal bin ich hier 1994 rumgelaufen, auf den Spuren von Joseph Roth und mit Seminarleiter Karl Kröhnke, den ich heimlich mit meiner Studienkollegin verfluchte, weil hier so wenig geblieben war von der damaligen Gaunermiljö-Atmosphäre und dem einstigen Auffangbecken für Einwanderer aus dem Osten. Aber das Raue, das war da und stellenweise blitzt das auch noch heute hervor und erzählt Geschichten. 

Wer davon mehr spüren möchte, muss sich nördlich halten und die Brunnenstraße zu den niedrigen Nummern hin ablaufen, also links meines Blickes aus dem Galeriefenster, vorbei am ehemaligen Warenhaus Jandorf. Die Bernauer Straße bildete früher die Grenze zwischen den Bezirken Mitte und Wedding, wo die Mauer verlief. Wer es bis zur Nummer 39 geschafft hat, kommt auch noch weiter, denn hier gibt es französische Patisserie vom Feinsten. Die Betreiberin und Patisserie-Meisterin Anna Plagnes kommt aus dem Elsass und war jahrelang bei Demel in Wien - also ist Berlin doch auch ein bisschen golden.


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