Freitag, 13. Januar 2012

Ich und der alte Herr Hawelka

Vor knapp zwei Wochen hat mich eine traurige Nachricht an meinen ersten Besuch in Wien denken lassen. Das war im Milleniumsjahr. Ich weiß es deshalb noch so genau, weil kurz nach meiner Rückkehr aus der Stadt der Kaffeehäuser meine Großmutter starb. Von ihr kommt wohl ursprünglich meine Liebe zu den Kaffeehäusern. Schon als ich ein kleines Mädchen war, hat sie mich in diese frühen Tempel der unkomplizierten Kommunikation mitgenommen.



Die traurige Nachricht war die vom Tode des alten Herrn Hawelka. Kurz vor dem Beginn des neuen Jahres, war er am 29.12. in Wien mit 101 Jahren verstorben - und mit ihm eine lebende (Kaffeehaus-) Legende. Er hatte seinerzeit 1936 das kleine Café gegründet und mit seiner Frau Josefine ein Leben lang in unverändertem Zustand betrieben.

In jenem Zustand hatte ich es im Jahr 2000 zum ersten Mal gesehen. Ein relativ kleiner, dunkler und stickiger Raum mit abgewetzten Polstern - rauchschwadenvernebelt. Dies ist also dieser berühmte Ort, der vielleicht als die Mutter der Künstlercafés gelten kann, dachte ich damals und bezog erfreut ein Plätzchen nahe dem Klo. Es war das einzig freie. Es ist eine schöne Geste, dass man in Wien, auch wenn man ganz allein ein Kaffeehaus betritt, sehr freundlich bedient wird. An jenem Tag im März bediente mich Leopold Hawelka persönlich und ich fühlte mich dabei sehr besonders.

Ich war nach einem Seminar noch einen Tag länger geblieben und war noch ganz berauscht vom Thema "Die Vertreibung der Musik seit 1933" in das traditionelle Musikaliengeschäft Doblinger, ebenfalls in der Dorotheergasse, hineingeraten. Hineingeraten durch das CD-Cover und Plakat einer Operette, gesungen von Zarah Leander und ehemals aufgenommen in Wien. Heraus kam ich gute zwei Stunden später mit sieben CDs, Noten und einem kleinen Buch mit Schlagern aus den Zwanziger Jahren - alles in einem roten Stoffbeutel, bedruckt mit Noten. Mit dieser fetten Beute schaffte ich es gerade zwei Häuser weiter in das berühmte kleine Café. Es erschien mir sofort als der richtige Rückzugsort, der mich für weitere Stunden in meinem Eckchen inmitten der Rauchschwaden beherbergen würde. Ich bestellte andächtig einen großen Schwarzen beim alten Herrn Hawelka und nahm das Liederbüchlein aus den Zwanzigern, nebst einem Päckchen Nil-Zigaretten aus dem Beutel. Diese österreichischen Zigaretten in der wunderschönen blauen Schachtel rauchte ich nur in Wien. Überhaupt rauchte ich fast ausschließlich im Kaffeehaus, wo anders hätte das sonst je Sinn gemacht?

Herr Hawelka stellte mir einen Aschenbecher hin - und bemerkte mit dem Blick auf meinen gefüllten Beutel: Ham's allerhand g'funden drüben? Ich nickte und zeigte ihm das Buch-Cover des kleinen Liederbuchs. Ach Gott, da war ich jung, seufzte er und nickte mir aufmunternd zu. Mit seiner kleinen beiläufigen Äußerung und meinen Zigaretten konnte ich mich ganz wie eine echte Wienerin fühlen. Ein schönes Gefühl, das leider so viel mehr Charme hat, als das Gefühl, sich wie eine Offenbacherin zu fühlen. Aber, die Offenbacher arbeiten daran. Wenn man an einem schönen Tag auf dem Wilhelmsplatz sitzt, dann könnte man sich vorstellen, dass...Und außerdem haben wir sogar auch so eine Art Hawelka, das fängt sogar mit H an und liegt in der Geleitsstraße. Ich wünsche mir sehr, dass das kleine Café Hebeis noch lange weitergeführt wird - so wie das Hawelka in Wien, das sich in der dritten Generation befindet.

Freitag, 6. Januar 2012

Mit Madame Duras chez Lam Frères

Gestern Abend überbrückte ich ein Stündchen zwischen zwei Terminen bei Lam Frères in der Weserstraße. Das war wie so ein klitzekleiner Urlaub in Vietnam, ein Eintauchen in eine andere Welt. Dieses Eintauchen begann schon, als ich in der Münchner Straße die Linie 11 verließ. Die großen, alten Häuser mit ihren steinernen Balkonen, die Leuchtreklame, die vielen bunten Lädchen mit thailändischen oder indischen Spezereien, die kleinen, sehr authentischen Lokale. Wie in einer anderen Stadt fühlte ich mich plötzlich, vielleicht China Town, vielleicht Saigon.

Bei Lam Frères hängen Fotos in Sepia mit alten Stadtansichten, sehr alten, von vor dem zweiten Weltkrieg. Eine Ecke kommt mir bekannt vor. Vielleicht Hanoi. Der Raum ist wie gemacht für diese Fotos und das Angebot vietnamesischer Speisen. Er wirkt wie ein Setting, man könnte eine Filmszene darin drehen. Das dachte ich schon bevor ich jemals in Vietnam gewesen war und das denke ich jetzt immer noch. Eine Filmszene aus Marguerite Duras "Liebhaber". Es gibt da so eine Szene, an die ich denke. Sie kommt nach der ersten Liebeszusammenkunft der beiden Protagonisten. Er führt sie in ein Restaurant aus. Es ist prächtig und mehrstöckig und liegt im chinesischen Viertel von Saigon, in Cholen. Bei diesem Essen fragt sie ihn nach seinen Verhältnissen aus. Sie will mehr über seinen Reichtum wissen. Diesen Reichtum, der in der Geschichte einen großen Teil der Erotik ausmacht.

Wie durch einen seltsamen Zufall habe ich, bevor ich das Haus verließ, einen Artikel in meine Tasche gesteckt, den ich mir einmal ausgedruckt habe. Es ist ein Artikel aus der deutschen "Lettres" zum Tode von Marguerite Duras im Jahr 1996. Er war mir zwischen den Jahren beim Schubladenaufräumen in die Hände gefallen und ich wollte ihn gern einmal wieder lesen.

Das Lam Frères ist der beste Platz dafür, beschließe ich, hole ihn heraus und lege ihn auf den Tisch, neben das weiße Teekännchen. Hier gehört dieser Artikel hin, denke ich und betrachte nochmals den Raum. Ein alter, hoher Raum, elfenbeinweiß getüncht, dunkel getäfelt, mit einer typisch abgerundeten Art Déco-Ballustrade und schönen Glaslüstern. Was war hier früher drin, frage ich mich jedes Mal, denn man kann unmöglich den ganzen Raum so hergerichtet haben. Es muss ähnlich ausgesehen haben - und der neue Pächter hatte das mit einem Blick erkannt.



Ich sitze in einer gemütlichen Ecke hinter einer Milchglaswand. An den beiden großen Tischen, entlang der Wand sitzt eine große Gruppe junger Asiaten. Ich versenke mich in meinen Artikel. Er beginnt mit einem wunderschönen Zitat über das Gesicht der Protagonistin ganz vom Anfang des Romans. Ich schlürfe meine Wan-Tan-Suppe und lasse mir die Worte auf der Zunge zergehen, denn dafür scheinen sie wirklich gemacht: "Zwischen achtzehn und fünfundzwanzig nahm mein Gesicht eine unerwartete Richtung. Dieses Altern war jäh. Ich sah, wie es einen Gesichtszug nach dem anderen erfaßte, wie es deren Beziehung untereinander veränderte, wie es die Augen größer machte, den Blick trauriger, den Mund bestimmter und in die Stirn tiefe Furchen grub. (...) Dieses neue Gesicht habe ich behalten. (...) Es ist nicht erschlafft wie manche Gesichter mit feinen Zügen, es hat die Konturen bewahrt, doch sein Stoff ist zerstört. Ich habe ein zerstörtes Gesicht."

Es ist eine wunderbare Stelle, die mich immer wieder zu einem eigenen Anfang einer Geschichte anregt. Natürlich würde das ebenfalls eine Liebesgeschichte sein, eine dramatische, eine unglücklich endende: Mir selbst kommt es manchmal vor, als habe ich mein jetziges, markantes Gesicht erst in einem schon fortgeschrittenen Alter erhalten. Ich war schon um die vierzig, glaube ich, und begann das Haar so zu tragen, wie jetzt. Im Grunde hatte ich mein Gesicht niemals recht wahrgenommen. Es war mir immer etwas zu weich, zu sanft vorgekommen, bis...ja, so ähnlich könnte das gehen, denke ich und lese wieder ein Stückchen weiter. Auf der Zunge den bitteren Geschmack von etwas zulange gezogenem Jasmin-Tee. Ein Wendung fällt mir auf. Es steht da, dass die Mutter der Duras zu einem "rauschhaften Lebensgefühl" neigte und dies wohl an die Tochter weitergegeben habe - und dieses Lebensgefühl habe sich zum Schreiben weit besser geeignet, als die Versuche des Reisfelderbestellens der Mutter. Ja, mag sein, denke ich. Ich selbst stelle mir die Duras oft sehr einsam vor, allein in ihrem Haus, in der Normandie. Verlassen von allen und besessen von der Idee des Schreibens, die das Schreiben selbst manchmal nicht einfach macht.

Ich beschließe den Artikel zwischen den Speisekarten zu verstecken, damit ihn jemand anders findet und liest. Denn er wirkt so schön anregend in dieser Atmosphäre und vertreibt für ein Stündchen die Einsamkeit oder das Gefühl des Alleinseins.

Mittwoch, 4. Januar 2012

Vom Klang der Worte

Vor kurzem wurde ich in Bezug auf einen Text, den ich überarbeitet habe, gefragt, was den überhaupt der Unterschied sei, zwischen einem Preisausschreiben und einem Gewinnspiel. Ich hatte nämlich das erste mit dem zweiten Wort im Text ersetzt. Nun, es gibt tatsächlich einen rechtlichen, also faktischen, Unterschied zwischen den beiden Spielarten - aber auf diesen kam es bei dem von mir bearbeiteten Text zunächst nicht an. Vielmehr kam es auf einen Unterschied an, der in Klangfarbe und der Konnotation des Wortes liegt.

Das Wort Gewinnspiel klingt fröhlich und verspielt, nach Kurzweil und heiterer Aktivität - und darauf kam es bei dem Text an, denn er war für eine Institution geschrieben, die sich moderner und zeitgemäßer verstanden wissen werden möchte. Das Wort Preisausschreiben dagegen klingt irgendwie nach 60er Jahre, Wirtschaftswunder und Kohlmief in den Aufzügen damals moderner Sozialbauten. Vielleicht ist das ungerecht dem Wort gegenüber, aber ich muss dabei an meine Oma denken, die ständig mit Kreuzworträtseln bei solchen Preisausschreiben mitmachte und nie gewann.

Das kleine Beispiel zeigt jedoch, dass es in einem Text nicht ausschließlich auf den richtigen Inhalt ankommt, der selbstverständlich gegeben sein sollte. Ein guter Text lebt außerdem von guten Worten und von deren Klang und Rhythmus. Es sind dies übrigens Worte, die in jedem Kontext passen, ob es sich dabei nun um eine Präsentation oder um eine Kurzgeschichte handelt.

In den meisten Branchen schleicht sich aber ein bestimmter Jargon ein, der auch bestimmte Worte oder Formulierungen im Munde führt. Das hat uns schon Loriot in zahlreichen Sketchen vorgeführt. Bei Kommunikationsfachleuten und Unternehmensberatern sind es heute häufig englische Worte, die dann entweder in ihrer Originalsprache oder grässlich verdeutscht in die Texte eingeflochten werden. Auf branchenfremde Leser wirken diese Texte, in denen es von Casestudies, Performance und Profit wimmelt zu Teilen unverständlich und überheblich. Als Schreibender sollte man sich immer fragen, was man eigentlich sagen möchte und was die verwendeten Worte wirklich bedeuten. Oft merkt man dann, dass eigenes Wissen fehlt - und einem Text tut es immer gut, wenn er klar ist. Klarheit klingt meist auch gut.

Oft wirken Texte, in denen Jargon verwendet wird, seltsam hölzern oder sperrig - und sie lassen sich meist der Welt zuordnen, in der sie geschrieben wurden. Diesen Umstand machte sich Kafka besonders wirkungsvoll zunutze. Wenn er nämlich in seinem Roman "Der Proceß" die aberwitzigen Verschlingungen der Bürokratie beschreibt, verwendet er bewusst Worte, die in diese Umgebung passen und erzeugt damit die berühmte kafkaeske Wirkung. Und dabei hat jeder schon einmal davon gelesen oder gehört, wie besonders Kafka nach dem richtigen Wort oft nächtelang gesucht hat.



Auch geschäftlichen Texten würde es gut tun und nutzen, wenn die verwendeten Worte sorgsam auswählt und hinterfragt würden. Dann müssten wir uns alle weniger mit nichtssagenden Webseiten oder Unternehmensbroschüren langweilen - und die Inhalte kämen beim Publikum an. Und das ist es schließlich, was alle Texte wollen.

Montag, 26. Dezember 2011

Als ich mal nach Frankfurt wollte

Schon morgens gegen zehn mache ich mich auf. Nur schnell noch ein paar Weihnachtskarten einwerfen und dann rüber nach Frankfurt. Noch ein paar Geschenke kaufen und dann meine beste Freundin im Café Hauptwache treffen, so wie jedes Jahr.

Es regnet einen sehr feinen Regen, der einem vortäuscht, man könnte gehen, ohne nass zu werden. Nicht mit mir. Schirm auf und die Luisenstraße runter in die Stadt. Die Luisenstraße ist am Bahnhof sehr schön und weiter unten sehr hässlich, birgt aber kulinarische Ziele, die den Weg lohnen. An der Nummer acht suche ich die Briefkästen. Erst in den Hof und ein Treppchen rauf. Es ist eines der schönsten umgebauten Industriegelände, in dem eine befreundete Agentur ihren Sitz hat. So würde ich auch gern einmal logieren. Man muss ja Träume haben. Aber Briefkästen hat's offenbar hier nicht. Wieder raus, auf die Straße. Als ich schon fast vorbei bin, entdecke ich doch noch einen Briefkasten. Hinein mit meinen Weihnachtsgrüßen und weiter. Ein Stückchen in die Geleitsstraße hinein. Dort sitzt mein Steuerberater. Auch hier muss ich in den Hinterhof. Aber, den Briefkasten kenne ich schon. Wieder zurück in die Luisenstraße. Ich komme nicht sehr weit, da lockt mich ein frischer, blumiger Duft. Unverkennbar Kappus, die Seifenfabrik. Links leuchtet der kleine Laden. Da war ich eigentlich noch nie drin. Das liegt daran, dass ich hier meist nur abends vorbeilaufe. Ein paar schöne Seifen...da wird mir bestimmt jemand einfallen, dem ich die schenken kann. Also hinein.

Drinnen duftet es nach allen Blüten des Sommers. Noch ein bisschen unschlüssig stehe ich vor Lavendel-Duschgel. Da entdecke ich wunderschöne Dosen, die über und über mit Rosen bedruckt sind. Ich öffne eine und wirklich - sie duften wie Rosenblüten. Da nehme ich gleich zwei und stelle mich an die Kasse. Bei einem anderen Kunden, der vor mir dran ist, beschwert sich die blonde Verkäuferin: Die mache mit mir hier, was se wolle. Einmal 'es Lehrmädsche, immer es Lehrmädsche...ich sach's ja. Ihre Bemerkung amüsiert mich, weil sie sehr nach Heimat klingt und weil das Lehrmädchen schon ziemlich in die Jahre gekommen ist. Gut gelaunt verstaue ich meine Rosendosen und verlasse den Seifenladen.

Weiter geht es, Richtung Frankfurter. Schon von weit leuchtet das gelbe Schild des Mekong. Mekong ist ein sehr gut sortierter Asia-Laden in Offenbach. Dort gehe ich immer rein, auch, wenn ich eigentlich gar nicht weiß, was ich will. Heraus komme ich immer mit einer ganzen Tüte voll. Es fasziniert mich, die ganzen fremden Dosen und Tütchen zu inspizieren. Irgendetwas völlig Unbekanntes wandert immer mit in meine Tüte. Heute sind es ein paar herzförmige grüne Blättchen, die ich neben dem Koriander entdeckt habe und ein Glas Mintsauce von Coleman. Von einer Bedienung aus dem White Elefant weiß ich, dass man sie mit Joghurt anmischt. Das wollte ich schon immer mal probieren.

Wieder zurück auf die Frankfurter. Dort beschließe ich bei Cuore frischen Kaffee zu kaufen. Das ist einfach lustiger, als bei Rewe an der Kasse zu stehen. Drinnen Gitarrenklänge, als hätte ich sie bestellt. Verschiedene Weihnachtslieder werden von zwei Männern am Fenster eingeübt. Sie reden hessisch und singen italienisch. Ich lasse mir von Franco den Kaffee malen. Er duftet wunderbar. Das führt dazu, dass ich nicht mehr so sehr weit komme. Genau bis zu Pedro nämlich. Das ist ein kleines Café auf der linken Seite stadteinwärts. Sehr liebevoll geführt. Es gibt tollen italienischen Caffè und Aida-Plätzchen aus Sizilien. Das ist ein köstliches Mandelgebäck. Fast wie überdimensionale Bethmännchen. So eins gönne ich mir heute, aus Pistazienmarzipan. Und eigentlich ist es Zeit für ein klitzekleines Mittagessen. Ein Tramezzino mit Parmaschinken und Pecorino. Das gönne ich mir auch. Schließlich ist Weihnachten. Ich sitze in dem wunderbar betörendem Kaffeeduft, bewundere die rotgoldene Weihnachtsdeko über der Theke und lasse mein Tramezzino auf der Zunge zergehen. Ein Himmel voller Kitsch. So muss es sein.



Weiter geht es nun in Richtung Herrnstraße. Hier muss ich auch ein paar Karten einwerfen. Zum letzten Mal in diesem Jahr betrete ich den schönen Mosaikfußboden im Bernardbau. Immer einen Besuch wert. Die Briefkästen sind leicht zu finden. Wieder auf der Herrnstraße wende ich mich nach links zu Astrid Merger. Eigentlich will ich ihr in der kleinen Boutique nur meine Karte übergeben, aber im Grunde  könnte ich hier auch für meine Nichten eine Kleinigkeit kaufen. Ist doch netter als einen Gutschein von H&M. Aber, was nur? Astrid schlägt mir einen schönen Schal vor. Das wäre wirklich was. Mir fällt ein, dass die eine der Nichten so auf pink und lila steht und just in diesem Augenblick entdecke ich ein paar kleine Stulpen, pink mit lila Pelzbesatz. Die müssen es werden, denke ich. Wir brauchen eine Weile, bis wir dazu ein Halstuch finden. Dann dasselbe Spiel nochmal mit kleinen weißen Stulpen. Inzwischen ist Frau Mergers Schwester hinzugekommen und sucht auch mit. Als wir alles haben, kommt eine kleine ältere Dame herein, die von den Schwestern begrüßt wird. Offenbar eine Stammkundin. Sie grüßt uns sehr freundlich, aber fast übergangslos bricht sie in Tränen aus und erzählt uns, dass sie gerade einen Fahrradunfall hatte. Das Fahrrad ist hin, aber ihr ist wenigstens nichts passiert. Wir bringen ihr einen Stuhl, trösten sie und mein Aufenthalt verlängert sich um ein halbes Stündchen.

Eigentlich wollte ich noch nach Frankfurt, sage ich irgendwann. Was wollen Sie denn da? fragt die ältere Dame fast entrüstet. Tja, naja, ich habe mich mit einer Freundin an der Hauptwache verabredet. Ach so. Irgendwie scheint sie beruhigt. Ich nehme meine ganzen Päckchen und Tüten und sage: Und jetzt habe ich hier das ganze Zeug hier dabei. Die ältere Dame lächelt und sagt, ist doch gut, dann sehen die da drüben mal, dass wir hier auch was haben. Wir lachen und ich verabschiede mich.

Sonntag, 11. Dezember 2011

Auf den ersten Blick ganz harmlos - Caffè Cuore Offenbach

Als ich zum ersten Mal im Caffè Cuore war, befand es sich noch auf der Kaiserstraße. Mir waren die kleinen, hübschen Espressokännchen aufgefallen - und dann stand da noch: Eigene Röstung. Ein wenig schüchtern trat ich damals ein und befand mich gleich in Italien. Die Eigentümer waren selbst wohl erst vor kurzem in Deutschland angekommen. Ein junger Mann mit schwarzem Haar und beeindruckend blauen Augen jedenfalls sprach mit einem älteren italienisch. Ich nahm meinen Mut zusammen und fragte auf italienisch, wo sie herkämen. Aus Lecce, conosce Lecce? war die Antwort. Ja, ich war tatsächlich mal durchgefahren, durch die Stadt am Ende des Stiefelsporns.

Mein erster Einkauf war Espresso und ein neuer Dichtungsring für mein eigenes Kännchen, ein hübsches Ding von Bugatti, das ich einmal in Sorrent erworben hatte. Seitdem zog es mich immer wieder ins Cuore, um Espresso zu kaufen (der ein sehr schönes kräftiges Robusta-Aroma hat) und Alio-Olio-Gewürz, das eine unverzichtbare Zutat für jede meiner Nudelsaucen geworden ist. Und dann, vor etwa zwei Jahren war ich sehr betrübt, als ich mein Lädchen an seiner Stelle nicht mehr fand. Wieder einer, der es nicht geschafft hat, dachte ich, denn in Offenbach haben es die Läden nicht leicht. Umso erfreuter war ich dann, als ich Caffè Cuore später auf der Frankfurter Straße und sogar in größeren Räumen wieder fand. Inzwischen gab es auch ein paar Holztische, an denen man sich für ein Schwätzchen niederlassen konnte.


Letzte Woche gab es einen besonders schönen Anlass, einmal abends ins Caffè Cuore zu gehen. Das Wetter war alles andere als angenehm an dem Abend. Sturm und Regen hatten sogar Platten am Citytower beschädigt. Nahezu todesmutig also machte ich mich auf zu einer ganz besonderen Buchpräsentation - die sich in jeder Hinsicht gelohnt hat.

Die Autorin Ida Todisco stellte dort stilecht ihr liebenswertes Buch über ein Dutzend sehr besonderer Offenbacher: "Offenbach. Liebe auf den zweiten Blick" vor. Einer dieser besonderen Offenbacher ist Franco, der Betreiber des Caffè Cuore. Er hat nicht nur dieses kleine Ladencafé mit viel Liebe zum Detail eingerichtet, sondern spielt auch bei besonderen Gelegenheiten Gitarre zu selbst gesungenen italienischen Schlagern. Am Donnerstag wurde dieses Programm noch durch eine deutsche Sängerin mit schöner, dunkler Altstimme und zwei Kubaner an den Drums erweitert. Dazwischen Blitzlichtgewitter und Gläserklingen für Ida und ihr Buch, das sehr liebevoll gestaltet vom Cocon-Verlag ein sehr schönes Weihnachtsgeschenk ist. Ich jedenfalls habe gleich zwei Bücher geordert, eins für mich und eins für meine Mama, die solche Geschichten aus dem ganz alltäglichen Wahnsinn liebt. Und ich wüsste noch einige andere Menschen, in meinem Umfeld, denen das Büchlein gefallen würde. Ich habe an diesem Wochenende die Geschichte von Metzger Angelo und Frühlingsrollenproduzent Duc Tran mit großem Interesse gelesen. Danke Ida, für diese schönen Ein- und Augenblicke!

Und ins Cuore muss ich auch bald wieder - der Dichtungsring von meiner Bugatti...

Ein Dezember-Nachmittag im Märchen

Ein kleiner Zwischenstopp in der Mokkaria in Frankfurt-Bornheim. Gerade so fast auf meinem Weg zwischen Bergerstraße und Prüfling, wo ich noch einen Abendtermin mit einem möglichen Auftraggeber habe. Ich hatte schon von dieser kleinen Oase gehört, aber es noch nie dorthin geschafft. Neben dem aufgemotzten ehemaligen Straßenbahndepot in der Heidestraße, wirkt der Eingang eher klein und unscheinbar. Und doch, diese kleinen, kugeligen weißen Lämpchen, die nur ganz leicht an Aladdin's Wunderlampe denken lassen, ziehen mich magisch an.



Eingetreten, zögere ich ein wenig, unsicher, ob ich an den Kaffeehaustischlein entlang der Theke Platz nehmen soll oder weiter hinten im kleinen orientalischen Salon. Die marokkanischen Teetische mit den schön gearbeiteten  Messingplatten gewinnen gegen Marmor - und ich platziere mich in ein Eckchen gleich rechts neben der Theke, schwer einsehbar und gemütlich und bestelle einen grünen Tee mit Zitronengras im gläsernen Samowar. Es tut gut, sich in die weichen Polster zu schmiegen. Sie sind schön gemustert, Blumenornamente in Türkis und Bordeaux. An den Wänden typisch marokkanische Sternenornamentik, weiß auf hellem Grau.


Wie im Märchen, denke ich - und dabei gar nicht verstaubt. Die Musik einer Wüstenflöte lässt mich an diesen Film denken "Der englische Patient". Der kleine Raum hier mitten im kalten Bornheim wäre der perfekte Ort für eine solche Szenerie: Ein Liebespaar, das sich ein, zwei Stunden stibizt und der Welt da draußen, mit ihrer Geschäftigkeit und ihrem Streben für kurze Zeit verlorengeht. Natürlich wäre es ein nicht so ganz legales Liebespaar. Wahrscheinlich wären beide verheiratet und der Zufall hatte sie an einem Nachmittag in der übervollen S-Bahn zusammengespült. Eine plötzliche Berührung hatte sie Worte finden lassen und es hatte sich eine lebendige Unterhaltung entwickelt, die sie irgendwo fortsetzen wollten, ganz arglos noch. Sie hatten sich orientalischen Mokka bestellt, der hier auf heißem Sand zubereitet wird. Alles war plötzlich neu und schön und die beiden unterhielten sich über Reiseerlebnisse in fernen Ländern, über den Geschmack fremder Speisen. Ihre Hände fuhren ein wenig nervös die Blumenornamente auf den Polstern nach und verschlangen sich fast zwangsläufig ineinander. Und irgendwann sahen sie sich in dem Halbdunkel mit großen Augen an und fanden keine Worte mehr.


Ein schöner Anfang für eine Kurzgeschichte, denke ich, als mich Worte wie I-phone, App und D1-Netz aus dieser Vorstellung heraus sehr schnell wieder in die Wirklichkeit befördern. So würde es meinem Liebespaar wohl auch gehen, denke ich. Denn so ein fast vollkommener Augenblick kann einfach nicht ewig andauern. Sonst besäße er nicht diesen Zauber.

Ich zahle an der Theke und vor mir stehen drei Silbertabletts mit süßen orientalischen Leckereien, die nur so von Zuckersirup und Rosenwasser triefen. Vielleicht sollte ich mir ein paar aussuchen und doch diesen Augenblick noch andauern lassen? Jedenfalls werde ich wiederkommen!

Montag, 5. Dezember 2011

Geschmackserlebnisse in Little Italy

Der Morgen war nicht schön. Er war diesig und kalt, aber wenigstens regnete es nicht. Das genügte mir für meinen kleinen Ausflug. Ich hatte mich für eine ganze besondere Stadtführung in meiner eigenen Heimatstadt angemeldet. "Esskultour" nannte sie sich und sie wird von Loimi Brautmann, der an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach studiert, organisiert.

Um zehn Uhr trafen wir uns im Salzgässchen und begannen unseren Spaziergang in unbekanntes Terrain. Denn obwohl ich mich nach all den Jahren gut auskenne, meide ich doch bestimmte Ecken oder Gässchen, weil sie mir uninteressant oder finster scheinen oder weil sie einfach nicht zu meinen ausgetretenen Pfaden gehören.

Die Route führte uns zunächst in die Kantine des Rathauses. Als Gourmet-Tempel nicht so interessant, aber eine Möglichkeit, um sich aus dem fünfzehnten Stock einen Überblick über die Stadtarchitektur zu machen. Ein wenig erschreckend, das kleine Chaos von oben. Danach ging es zu einer kleinen Moschee in der Glockengasse. Sie befindet sich versteckt in einem Höfchen und daneben gibt es ein kleines Restaurant - Treffpunkt der türkischen Gemeinde. Dort bekamen wir warme türkische Pizza und ein Glas Tee. Mein Frühstück für diesen Tag.

Nach einem Besuch in der gegenüberliegenden Bäckerei, wo wir frische Sesamkringel holten, ging es weiter. Ziel war ein kleiner indischer Laden in der Bieberer Straße, den ich zwar schon kannte, der aber wegen der köstlichen Samosas immer einen Besuch lohnt. Außerdem ist es so schön indisch dort. Es riecht nach Räucherstäbchen und Curry und ich mag die Betreiberin, eine ältere Dame mit weiß meliertem Haar und runder Brille. Sie lächelt und man versteht sich ohne Worte.

Die nächste Station lag in einer unscheinbaren Hofeinfahrt. Es handelte sich um die Mozzarella-Käserei L'Abbate, die sich dort in einem weißen Hinterhaus verbirgt. Einziger Hinweis: die italienische Flagge. Und hier, so ungefähr zwischen Friedrich- und Karlstraße liegt ein sehr winziges Little Italy. Zugegeben kann man Offenbach nicht mit New York vergleichen. Aber, diese paar Sträßchen haben etwas vom abgewetzten Charme der großen Schwester und auch etwas von ihrer Verruchtheit. Zwischen zwielichtigen Spielotheken und Kitschläden gibt es ein paar sehr gute kleine Lebensmittelgeschäfte, die den Weg lohnen. Also, zurück in die Käserei. Dort bekamen wir im lauwarmen Duft von Bio-Odenwaldmilch Mozarella-Spießchen und frisch gekochten Ricotta von Andrea L'Abbate gereicht. 

Ein (un-)heimliches Geschmackserlebnis.

Eine Ecke weiter waltet Angelo, der Meister der Wurstmaschine. Keiner versteht es, den Parmaschinken und die Mortadella so hauchdünn zu schneiden wie er - so glaube ich jedenfalls. Die italienische Salsicce werden ebenfalls direkt vor Ort gemacht. Und vor Weihnachten hängt der Himmel im Lädchen voller Panettone.

Angelo

Am liebsten hätte ich noch einen Abstecher in die kleine Pasticceria gegenüber gemacht, weil es dort sicher die kleinen Cannoli gefüllt mit Riccotta Creme gibt, aber das stand wohl nicht auf dem Programm. So habe ich jedoch, einen triftigen Grund wiederzukommen. Denn eines ist sicher, ich werde in Zukunft noch ein paar andere Wege austreten in Offenbach - und Little Italy wird auf jeden Fall dazugehören.

Pasticceria

Die kleine Route endete schließlich stilvoll mit einem Espresso bei dem kleinen roten Kaffeewägelchen auf dem Wochenmarkt und ich kam mir ein bisschen so vor als kehrte ich aus einer unbekannten Stadt zurück, die ein heimliches Dasein führt inmitten des Bekannten.