Paris ist ja so eine Stadt, die das Herz eines jeden Kaffeehausjunkies höher schlagen lässt. Die Frage ist nur: In welches der vielen Etablissements mit roter oder grüner Markise obendrüber lenke ich meine Schritte? Wo ist es so richtig pariserisch? Denn schließlich möchte man ja das Besondere erleben, wenn man schon mal da ist und nicht aus Hungersnot oder Blasendruck in irgendeiner Kette landen.
Ich habe eine kleine Runde gemacht und hier ein paar lohnende Adressen zusammengestellt. Heute lest ihr den ersten Artikel.
Da ich diesmal am Fuße des Montmartre gewohnt habe, beschloss ich meine Füße zunächst in ein sehr klassisches Haus zu lenken, in dem schon Henry Miller Manuskriptseiten auf das dortige Kaffeehausbriefpapier schrieb: http://www.wepler.com/fr/brasserie-place-clichy-paris-18-site-officiel.php

Die Brasserie Wepler. Hierbei handelt es sich um eine echte Institution, die schon über 100 Jahre ihre schwingenden Türen für die Kaffeedürstenden und Austernhungrigen öffnet. Das Wepler befindet sich auf dem Boulevard Clichy direkt gegenüber der Metrohaltestelle Place Clichy. Wer es also zu Fuß nicht mehr schafft, kann auch bequem mit der Metro bis vor die Haustür fahren. Die quicklebendige Terrasse des Wepler hat selbstverständlich sommers wie winters geöffnet und lohnt sich für einen schnellen Petit Noir. Allerdings ist das Innere dieser Institution so schön und gemütlich, dass man sich einen kühlen oder zumindest einen Regentag herbeiwünscht. Einmal durch die Schwingtür hindurch, begibt man sich links ins Café und rechts ins Restaurant.

Ich setzte mich mit dem Rücken zur Wand auf eine klassisch rot gepolsterte Bank. Auf dem Tisch stand bereits eine Karaffe mit einfachem Wasser - schon das sehr lobenswert. Von dem sehr höflichen und sehr klassischen Kellner wurde ich gebeten, einen Tisch weiter zu rücken, da dieser schon besetzt sei. Ich bestellte einen Café Crème und ein Croissant, sah mir all die schönen Details an und auch eine Broschüre über den hiesigen Literaturpreis. Ja, ganz recht, das Wepler ist noch eines dieser Literatencafés die jedes Jahr einen Literaturpreis vergeben. Ich genoss bereits den wunderbar ausgewogenen Crème und das butterig-zarte Gebäck als neben mir eine ältere Dame mit einem weißen Pudelchen Platz nahm. Unnötig zu sagen, dass diese beiden Stammgäste besonders höflich bedient wurden und der Pudel auch Wasser aus dem Goldrandgeschirr des Hauses bekam.
Fazit: Das Wepler ist eine klassische Pariser Brasserie, in der man sowohl Kaffeetrinken wie auch sehr gut speisen kann - und zwar zu einem gutem Preis-Leistungsverhältnis. Das Menü ist sehr zu empfehlen, besonders mit 6 Austern vorneweg.
Des weiteren kann man dort unbehelligt sitzen und ein Buch lesen oder schreiben oder in die Luft gucken. Und wenn man Glück hat, heißt der Kellner auch noch Henry - so wie bei mir an jenem Tag.
Manche setzen sich am Faschingsmontag eine rote Nase auf und fahren nach Mainz. Ich nicht. Zumal ein anderes interessantes Angebot viel mehr Anregung für Augen und Hirn versprach und außerdem ohne kalte Füße zu bewältigen war. Die bunte Frühjahrsschau Ambiente mit ihrem reichen Angebot an Design-Novitäten, Geschenk-Ideen und Tischleindeckdich-Varianten hatte ihre Tore geöffnet und siehe da - es fanden noch andere Faschingsmuffel den Weg dorthin.
Um es vorweg zu sagen: Ich beschränkte meinen Besuch hauptsächlich auf die Hallen mit Interieur und Dekoration (Living und Young & Trendy). Noch in der Galeria fesselten unkomplizierte Lampenideen meinen Blick: Als Lampenschirme dienten handgeschöpfte weiße Papiere über LED-Leuchten oder auch handgetriebene Kupferblechkugeln, die freilich im ganzen Bündel am schönsten wirken - wie entwendet aus einem orientalischen Palast http://www.zenza.nl. Kaum drin in Halle 9.0 wurde meine Nase von wunderbar authentischen Düften angezogen mit dem treffenden Namen True Grace - Essence of England -
http://www.truegrace.co.uk/shop). Ich kam mit einer Engländerin ins Gespräch, deren Unternehmen handgezogene Naturwachskerzen mit biologisch reinen Essenzen beduften, die wirklich ein schönes Raumklima schaffen können und den Geist beflügeln.
Insgesamt waren Licht und Lampen ein großes Thema, aber auch Wohn-Accesoires und künstlerische Objekte fürs Wohnzimmer. Sehr gefielen mir hier die floralen Designs von Creativ Light http://creativ.fwt.de. Auf meine Nachfrage hin, antwortete man mir, dass die Sachen von Familien auf den Philippinen und in Thailand hergestellt werden, wobei man auf persönlichen Kontakt und gute Arbeitsbedingungen Wert legt. Fantasievolle Möbel, die sich originell als Einzelstücke inszenieren lassen, stehen auch hoch im Kurs und heben sich angenehm ab vom Einerlei der Massenmöbelhäuser. Mir gefiel hier ein geflügelter Stuhl von http://tomscompany.de/slider/kollektion/

Nach diesen Eindrücken kam mir plötzlich ein Stand vor die Nase, der so ganz anders war, himmelblau nämlich und duftend nach Kaffee. Erst dachte ich gar, es sei ein Café, aber es war die sehr gelungene Präsentation des Feinkost-Spezialisten Inpetto aus Düsseldorf http://www.stile-di-vita.de/pro01.html. Dort ließ ich mich zu einem sehr anregenden Gespräch über hochwertige und nachhaltige Lebensmittel nieder, trank einen wunderbaren Espresso, der speziell für das Unternehmen in Oberitalien geröstet wird, und konnte meinen Gang erfrischt fortsetzen. Besonders hat mir gefallen, dass Inpetto auch Geschirr und Gläser - alles im himmelblauen Branding anbietet - von den leckeren Inhalten in den vielen Fläschchen mal ganz zu schweigen.

Etwas weiter fiel mein Blick dann auf einen wunderschön altmodischen Picknickkoffer und einen wohlbekannten Namen aus Offenbach: F. Hammann http://www.fhammann.com. Sehr wertige und schöne Leder-Accessoires, die noch in Deutschland produziert werden. Im Gegensatz zu immer gleichen Designer-Handtaschen kann Frau und Mann sich hier ein individuelles Lieblingsstück aus bestimmten Serien fertigen lassen und unter Form, Größe und Farbe des Innenfutters wählen. Da komme ich doch stark in Versuchung...
Was mir noch sehr angenehm aufgefallen ist, waren einige junge deutsche Designer wie Pension für Produkte http://www.pensionfuerprodukte.de oder My Lamp aus Hamburg http://www.my-lamp-hamburg.de mit einem Angebot an hochwertigen ökologischen Möbeln in Halle 11.0. Hier scheint es einen Wandel zu geben, zurück zu mehr Einfallsreichtum, Nachhaltigkeit und Made in Germany. Das finde ich super. Wer braucht schließlich jedes Jahr neue Möbel aus irgendwelchem Presszeug?!
Gestern war ein schöner sonniger Januartag - wie gemacht, um die Winterdepression mit etwas Licht in die Flucht zu schlagen. Ich hatte eine Gästekarte für den Neujahrsempfang im Klingspormuseum bekommen und also kurzentschlossen betrat ich etwas nach halb zwölf die gute Stube Offenbachs, das Klingspor-Museum http://www.klingspor-museum.de, untergebracht in einem Flügel des Büsingpalais. Licht durchflutet empfing mich das Treppenhaus. Von oben hörte ich Stimmengemurmel und folgte ihm. Stefan Soltek war schon in seiner Rede und faltete, gemeinsam mit Barbara Levi-Wach ein wunderbares Kunstbuch in Form eines Leporello, das den New Yorker Sunset Strip in voller Länge zeigt, auseinander - eine besonders schöne Erwerbung dieses für die Offenbacher Stadtgeschichte so wichtigen Museums der Buchstabenkunst. Stefan Soltek bezeichnete das Werk trefflich als frühe Version von Google Street View. Zu den Feierlichkeiten spielten drei Jungsaxofonisten frischmelodisch auf, dass es eine Freude war. Dazu blinkte immer mal wieder die Wintersonne durch die Fenster und ich entdeckte eine schöne Arbeit von Max Ernst. Die Schätze des Hauses muss ich mir einmal ganz in Ruhe ansehen, beschloss ich.


Nach netten Gesprächen mit den Freunden des Klingspor Museums e. V. ging es vorbei am Bernardbau hinunter an den Main, wo die neue Karl-Ulrich-Brücke und ein viel diskutiertes neues Parkhaus am neuen Hafenareal am Weg lagen. Diese Gegend ist geprägt von Vergehen und Entstehen von Ende und Anfang. Hier noch Spuren alter Industrieanlagen, dort schon neues Wohnen am Main, hier noch Reste der Partymeile auf der Hafeninsel oder der im Winterschlaf befindliche Hafengarten, dort schon hoch aufragend die neue Brücke nach Frankfurt und das hoch aufragende EZB-Haus.

Dort ganz in der Nähe befand sich mein Ziel, nachdem ich mich noch kurz mit einem heißen Apfelwein im Vereinslokal der Frankfurter Ruderer aufgewärmt hatte. Der Kunstverein Montez http://kvfm.de, nach dem Exil nun beheimatet unter der Brücke, das heißt in den zwei letzten Brückenbögen, die eine sehr gelungene Verbindung zwischen alter Industrie und neuer Kunst bilden, hatte eingeladen zur Finnissage der Ausstellung Treibhaus von Kai Teichert.
Als ich ankam, lockte das Licht sogleich in den großen Ausstellungssaal und das an der großen Wand befindliche Hauptwerk "Pfaueninsel" zog mich mit seinen verschlungenen Menschenleibern und Vogelgestalten in seinen Bann. Immer noch weitere Köpfe und Körper möchte man erkennen im Blattwerk und im Gezweig. In ihrer duftigen Gegenständlichkeit, mit der lichten Farbigkeit von Pastell und Acryl auf Leinwand und Stoff zum Teil frei hängend, nehmen die Bilder die Verbindung zwischen den Kunstepochen auf und sind voller Zitate. Die Betrachterin fühlt sich erinnert an Breughel und Bosch, an Michelangelo und Cranach aber auch an die Symbolisten - gleichzeitig knüpfen die freizügig dargestellten vielen Paare das Band ins Hier und Jetzt.

Schnell hatte ich auch noch ein anderes, kleineres Lieblingsbild am Beton hängend gefunden, das sowohl Elemente der Pfaueninsel als auch des großen japanischen Blütenbildes in sich vereint. Danach ließen Kaffee und Kuchen sich vortrefflich genießen im prachtvollen Betonfoyer.

Lange habe ich hier nichts geschrieben. Während es also hier auf dem Blog recht still war, liefen die Zahnrädchen an anderer Stelle auf Hochtouren, nämlich in unserer Literaturgruppe Autoren unterwegs (Katharina Eismann, Johann Kneißl, Leo Pinkerton, Malgo Scholz, Gisela Wölbert und meine Wenigkeit). Ab Oktober, nach der letzten Lesung der Reihe "Literatur zur Werkzeit" im Hafengarten, gingen wir mit der Anthologie in Produktion. Ein Verleger war bereits gefunden (Offenbacher Editionen bei Berthold Druck). Nun hieß es also die 12 Lesungen, die wir über das Jahr an verschiedenen, eher unliterarischen Orten zur Mittagszeit in Offenbach veranstaltet hatten, zwischen zwei Buchdeckel zu bringen. Wir hatten beschlossen, die Lesungen mit den Texten, die dort zu hören waren, in chronologischer Reihenfolge im Buch zu veröffentlichen. Außerdem Fotos, die während der Lesungen entstanden waren, in Schwarzweiß.
Wir lasen nun also alle unsere Texte nochmals haargenau. Die Schlusskorrektur übernahmen Leo und Gisela, die über Lektoratserfahrung verfügen. Weiterhin trafen wir uns jeden Mittwoch Vormittag, besprachen Korrekturen, wählten Fotos aus, schrieben ein Vorwort, diskutierten über die Ausstattung des Buches - und besprachen alles mit unserem Verleger Stefan Gey. Am 3. Dezember war es dann soweit: Pünktlich zur geplanten Lesezeit um 12 Uhr im Restaurant Trattodino erblickte unser leuchtend orangerotes Buch "Literatur zur Werkzeit" das Licht der Welt. Und von dort aus trat es seine Reise an, in die Vorweihnachtszeit.
Gestern hatten wir die schöne Gelegenheit, es im Raum des Kunstvereins im Offenbacher KOMM einer größeren Öffentlichkeit vorzustellen: 36 Zuhörer hatten sich in dem für den Kunstbazar derzeit besonders stimmungsvoll gestalteten Raum versammelt - inmitten von kunstvoll gearbeiteten Metallskulpturen, farbiger Teppichkunst und virtuosen Malereien - um unsere Lesung aus dem druckfrischen Buch mitzuerleben. Für die musikalische Begleitung unserer poetischen Miniaturen sorgte sehr einfühlsam der Gitarrist Pit Uferstein.
Für uns Autoren standen jeweils ein roter Sessel und ein Headset bereit. Den Anfang machte Malgo Scholz mit ein paar schmerzhaft bösen Zeilen über die Kunst. Ihre "gemobbte Seele" ist in unserer Gruppe schon sprichwörtlich geworden.
Leo Pinkterton las ihre Kurzgeschichte "Mörphis Gesetz", die sie eigens für eine unserer Lesungen geschrieben hatte. Die überraschende Wende der Geschichte besteht darin, dass sie trotz des Namens des Protagonisten doch noch gut ausgeht. Nach ihr schloss sich Gisela Wölbert an mit den beiden Gedichten "Regen News" und "Neue Aprikosen" an. In letzterem nimmt die Frankfurter Autorin unserer Gruppe mit wunderbar bissigem Witz unsere Konsumgesellschaft aufs Korn. Ich las danach meine Erzählung "Die Kinder von Smederevo", zu der eine Skizze bereits während einer Chorfahrt nach Serbien 2011 entstanden war. Durch die regelmäßigen Lesungen mit der Gruppe, musste ich endlich Nägel mit Köpfen machen - und die Geschichte von vorn bis hinten erzählen. Das bedeutet ja immer, dass man sich in eine Situation wirklich hineinbegibt - mit Haut und Haaren sozusagen.
Meine Geschichte geht von Smederevo nach Offenbach und dort blieb auch Katharina Eismann mit ihren quicklebendigen "Marktstationen in fünf Akten", worin Offenbacher einiges wieder erkennen können. Johann Kneißl machte den Abschluss mit einer herrlichen kleinen Persiflage auf unsere Weihnachtsfeiertagsrituale "Mal raus können" und der bissig-österreichischen Wirtschaftsbeobachtung "Wiener Neustadt - Café Stadler", wobei er einmal mehr unter Beweis stellte, dass alle Offenbacher Integrationsversuche die muttersprachliche Mundart nicht verwässern konnten. Alle Texte wurden von Pit Uferstein sehr treffend, kurzweilig und virtuos untermalt. Danach war Signierstunde und unsere orangen Büchlein kamen unters Volk. Die gute Nachricht: Es gibt noch welche. Im Buchladen am Markt http://www.buchladenammarkt.de, in der Steinmetzschen Buchhandlung http://www.steinmetz-buch.de, bei Thalia http://www.thalia.de/shop/home/thalia-filialen/showDetails/427/, an allen Leseorten oder bei uns (Preis 14,80 Euro, ISBN 978-3-939537-35-9). Wir danken dem Kunstverein Offenbach und Ulrike Djellouli-Della für die wundervolle Plattform http://www.kunstverein-offenbach.de.Vielen Dank für das schöne Foto an Sven Eismann.
Alle Texte wurden von Pit Uferstein sehr treffend, kurzweilig und virtuos untermalt. Danach war Signierstunde und unsere orangen Büchlein kamen unters Volk. Die gute Nachricht: Es gibt noch welche. Im Buchladen am Markt http://www.buchladenammarkt.de, in der Steinmetzschen Buchhandlung http://www.steinmetz-buch.de, bei Thalia http://www.thalia.de/shop/home/thalia-filialen/showDetails/427/, an allen Leseorten oder bei uns (Preis 14,80 Euro, ISBN 978-3-939537-35-9). Wir danken dem Kunstverein Offenbach und Ulrike Djellouli-Della für die wundervolle Plattform http://www.kunstverein-offenbach.de.Vielen Dank für die schönen Fotos an Sven Eismann und Leo Pinkerton.
Bevor die Zeit noch weiter voraneilt und dann schon wieder Weihnachten ist, wollte ich doch noch ein paar Entdeckungen auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse mitteilen. Sehr gerne habe ich mich wieder in Halle 4 aufgehalten, wo sich zu einem großen Teil die unabhängigen kleineren Verlage tummeln und teils mit dem Medium Buch oder Schrift sehr einfallsreich zu Werke gehen. Hier werden auch neue Formate erdacht, die sich vom "herkömmlichen" Buch oder von "üblichen" Themenkreisen wegbewegen.
Gut gefallen hat mir beispielsweise der Partnerstand vom Hamburger Literaturquickie Verlag http://www.literatur-quickie.de und Michason & May aus Frankfurt http://www.michason.de. Der erste bringt Kurzgeschichten im liebevoll gestalteten Pixie-Buch für Erwachsene heraus. Die praktischen Büchlein passen in jede Handtasche oder unter jedes Kopfkissen und man hat immer was Gescheites zu lesen zur Hand, denn für den Verlag schreiben durchaus namhafte Autoren wie Julie Zeh, Safiye Can oder Katrin Seddig. Wie ich gehört habe, arbeitet der Verlag auch mit Hotels zusammen, die die Büchlein für ihre Übernachtungsgäste auslegen. Sowas wünsche ich mir wirklich weit mehr, als die Bibel in der Nachttischschublade.

Michason & May betreibt einen Verlag mit Store in Frankfurt Bockenheim. Das gefällt mir auch sehr gut: Dort gibt's quasi Bücher zum Anfassen in unserer unfassbaren Zeit. Ein Bändchen aus der Reihe "City Walking" habe ich sogleich mitgenommen. Mal eine andere Form der Reiseliteratur, die vielleicht nicht neu, aber doch etwas in Vergessenheit geraten ist, seit den 20er Jahren: Aus Erzählungen und Kurzgeschichten formt sich sehr lebendig das Bild einer Stadt, wie zum Beispiel Frankfurt oder Paris. Viel inspirierender als die hundertste Auflage von Sehenswürdigkeiten und Restaurantipps - und ich sehe schon, bald muss ich mal wieder nach Bockenheim.
Sehr hübsch fand ich auch die "typographischen Erinnerungsschatullen" vom August Dreesbach Verlag aus München.
http://www.augustdreesbachverlag.de/home.html
In einer Blechdose finden sich Karten mit originellen Fotos von typografischen Eindrücken einer Stadt, wie beispielsweise Wien sowie Bleistift und Radiergummi. Die Minikarten kann man beschriften und verschicken oder sammeln, um sich zu erinnern.
Und dann wollte ich noch ein großes Kompliment aussprechen an alle unabhängigen Verlage, die sich an noch weniger bekannte Autoren und Debüts trauen und auf ihrem Buchmessestand ein angenehmes und gar nicht unnahbares Ambiente pflegen, wie beispielsweise der Frankfurter Größenwahn-Verlag http://groessenwahn-verlag.de, bei dem ich sehr interessante und angenehme Gespräche geführt habe.
Eine hübscher kleiner Beutezug war das, bei dem ich natürlich auch wieder eine schöne CD von Trikont erworben habe, die sich so rührend immer wieder alter Aufnahmen annehmen und die Titel dem Vergessen entreißen. http://trikont.de/category/uber-uns/
Am letzten Sonntag nahm ich die Gelegenheit war, Silke Scheuermann live zu hören - beim Lesen ihrer gerade erschienen Gedichte "Skizze vom Gras" https://www.schoeffling.de/buecher/neu. Zuerst einmal soll ehrlich gesagt werden, dass Silke Scheuermann in Offenbach lebt und nicht wie im Klappentext des neuen Bändchens geschrieben "bei Frankfurt". Ja, es gibt lebende Autoren in Offenbach, denn diese Stadt bietet Raum und ziemlich viel Anregung, gerade weil hier nicht alles so glattgebügelt ist. Die kleine Matinee bei der Buchhandlung am Markt war ein Novum, das gut funktionierte und ein trefflich leuchtender Anfang für diesen sonnigen Herbstsonntag. Ein kleiner Plan entstand, selbst so eine Matinee zu gestalten, mit der Gruppe "Autoren unterwegs" im Januar 2015. http://www.buchladenammarkt.de

Silke Scheuermann konnte diesen etwas anderen Sonntag morgen auch genießen und sagte, dass sie früher die Sonntage als sehr ritualisiert und belastend empfand. Ich auch. Da wurde morgens gleich nach dem Frühstück der Rinderbraten angebraten, die von mir gehassten Knödel geformt...ich ging in die Badewanne und kam erst nach dem Essen wieder raus.
Aber nun zu den Gedichten: Ich mag Gedichte und zum Glück bin ich in der Schule nicht allzu lang mit Schillers Glocke oder Goethes Erlkönig gequält worden - jedenfalls musste ich keine Gedichte auswendig lernen. Die Gedichte von Silke Scheuermann sind meist Prosagedichte und eher kleine Geschichten oder Alltagsbeobachtungen, die in einer sehr konzentrierten Form daherkommen. Sie sagte dazu, dass sich die Themen oft ihre eigene Form suchen. Besonders schön, war es, ihre Stimme zu hören, die die eigenen Worte genau richtig in Szene setzt - und ihre Augen zu sehen, die manchmal erwartungsvoll bis schelmisch über den Buchrand ins Publikum blicken.
Sie beschäftigt sich in dem grasgrünen Bändchen mit der Zeit, der Zeit, die an und Lebewesen nicht spurlos vorübergeht und schon manche Spezies hat aussterben lassen, so wie den Dodo oder den Säbelzahntiger. Aber auch sich selbst beschreibt sie als "Letzte meiner Art" - und bereits der erste Vers dieses Gedichts trifft wie ein Dolch ins Herz:
"Es tut mir nicht mehr gut.
Die Gewalt hat mich verändert.
Mein Körper ist kalt geworden wie der Zahn einer Löwin;
mein Geist geht meine Möglichkeiten durch.
Wenn du mich anfasst, werde ich mich wehren,
noch bevor du mir Lust machen kannst. (...)"
Solche Zeilen können nicht kalt lassen und das schöne an Lyrik ist, dass sie immer mal so in die Mittagspause oder in die kurze Spanne vor dem Einschlafen passt. Für die etwas längeren Zeitspannen, einen regnerischen Sonntag, lagen da auf dem Büchertisch bei B.A.M. noch andere verlockende Bändchen, zum Beispiel die "Pfaueninsel" von Thomas Hettche - schon allein durch ihren wunderschönen hellgrauen Leineneinband anschaffenswert.http://hettche.de Die Geschichte führt in eine längst vergangene (preußische) Welt der Königin "Luise" und offenbart in dem hübschen Bändchen eine Welt, die nicht von Disziplin, sondern von Inzest und Begierde geprägt ist. "Pfaueninsel" ist nun sogar im Kopf-an-Kopf-Rennen für den Deutschen Buchpreis und ich würde Thomas Hettche den Preis wünschen.
Ebenfalls weniger beschaulich als der Titel vermuten lassen könnte, kommt auch der Anfang des Romans "Isabel" von Feridun Zaimoglu daher. Da geht es temperamentvoll um das Ende einer Liebe und den Akt des Verlassens. Aber auch dieser Roman spielt in Berlin - und das scheint in diesem Jahr der Lieblingsort der deutschen Autoren. Na ja, die waren halt noch nicht in Offenbach, denke ich mit einem Augenzwinkern, denn Berlin ist natürlich eine richtige aufwühlende Metropole und Offenbach nur ein bisschen Kiez zum Anfassen - hat aber auch seine Geschichten und eine schien sich gerade gegenüber im etwas zwielichtigen "San Carlo" abzuspielen.

Ein Roman, der seit kurzem wieder aufgelegt ist (auch bei Schöffling) und der nicht nur für Wiesbaden, sondern auch für Offenbach eine besondere Bedeutung haben sollte, ist "Theodor Chindler" von Bernard Brentano. Der Autor, der vor dem Zweiten Weltkrieg für die Frankfurter Zeitung in Berlin arbeitete und mit Joseph Roth eng befreundet war, wurde in der Offenbacher Geleitsstraße 109 geboren. Die schöne Neorenaissance-Villa steht heute noch. http://www.faz.net/aktuell/rhein-main/wiesbaden-liest-theodor-chindler-eine-familie-im-krieg-13105168.html
Zwei gute Gründe also, dieses Buch endlich mal zu lesen.
Am letzten Dienstag war ich mal wieder in Peters' Bakery, in der Offenbacher Friedrichstraße zu Gast. Das ist immer ein Erlebnis und einfach schön, dass die alte Backstube mit ihrem hübschen Pfeffer und Salz-Boden seit über 100 Jahren genutzt wird. Inzwischen ist sie ein kleiner Kunstraum geworden und derzeit laufen dort wieder kunsthistorische Vorträge von Ulrike Kuschel (Künstlerpaare II). Das sind ganz besonders erhellende und angenehme Abende, die nicht nur mit interessanten Informationen und Betrachtungen über künstlerische Beziehungen erfreuen, sondern auch mit passenden Leckereien, die eine schöne Atmosphäre stiften. So gab es diesmal Tee aus dem Sarmowar, "Cigarettes Russes"-Kekse und Pumpernickel mit Lachskaviar,kredenzt von der Hausherrin Doris Peters.

Als erstes Künstlerpaar standen Natalia Gontscharowa und Michail Lorianow auf dem abendlichen "Lehrplan". Die Kunsthistorikerin Ulrike Kuschel stellte das russische Avantgarde-Künstlerplaar anhand beider Biografien und Werke vor und zeigte anschaulich, wo sich beide gegenseitig inspirierten und unterschieden. Ihre Verbindung war im Unterschied zu anderen nicht von Konkurrenz, sondern eher von gegenseitiger Anregung und Arbeit geprägt. Beide Künstler arbeiteten viel mit Elementen der russischen Volkskunst und werden meist dem russischen "Neoprimitivismus" zugerechnet - allerdings befassten sie sich mit verschiedensten Strömungen, wie dem Impressionismus oder Kubismus, sodass ihre Werke und besonders die der Gontscharowa, stilistisch überhaupt nicht eindeutig in eine Epoche einzuordnen sind. Später entwickelten sie sogar einen eigenen abstrakten Stil - den "Rayonismus".
Als Folge der politischen Veränderungen durch den Ersten Weltkrieg in Russland, gingen die beiden 1918 nach Paris und zogen in die Rue de Seine, Ecke Rue Jacques Callot, wo sie bis zu ihrem Lebensende lebten. In Paris arbeiteten sie unter anderem auch viel für das Theater. So schufen sie sehr fantasievolle Kostüme und Bühnenbilder für das Ballet Russe. Natalia Gontscharowa ist spätestens seit 2007 eine feste Größe der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts, als nämlich im Londoner Auktionshaus Christie's eines ihrer Gemälde mit einem Rekordpreis von fast zehn Millionen Dollar versteigert wurde. Michael Larianow dagegen ist den meisten heute hauptsächlich durch seine Frau bekannt - eine Seltenheit, besonders in der Malerei.
Wenn ich im nächsten Monat in Paris bin, werde ich ein bisschen auf den Spuren der beiden wandeln. Und bis dahin gibt es noch weitere interessante Künstlerpaare in Offenbach zu entdecken, wie Sonja und Robert Delaunay, Frida Kahlo und Diego Rivera oder Anna und Bernhard Blume.