Sonntag, 11. August 2013

A good Hock keeps off the doc

Immer, wenn ich an einem schönen Sommer- oder Herbsttag im Rheingau gewesen bin und das ist meistens so zweimal im Jahr, danke ich an diesen schönen Anfang des Romans "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull" von Thomas Mann und zwar besonders an jene Zeilen: "Der Rheingau hat mich hervorgebracht, jener begünstigte Landstrich, welcher, gelinde und ohne Schroffheit sowohl in Hinsicht auf die Witterungsverhältnisse wie auf die Bodenbeschaffenheit, reich mit Städten und Ortschaften besetzt und fröhlich bevölkert, wohl zu den lieblichsten der bewohnten Erde gehört." Gerne würde ich das auch von mir sagen können, dem ist nicht so, aber wenigstens ist dieses Fleckchen Erde weniger als eine Stunde Fahrt von Offenbach entfernt.


Diesmal war Hochheim das Ziel und das war eine gute Wahl, weil der Ort nämlich besonders nah und fast vor der Haustür liegt und weil sich dort das Staatsweingut der Stadt Frankfurt befindet, dem ich schon immer mal einen Besuch abstatten wollte. Es ist nicht so, dass ich noch nie in Hochheim gewesen bin, aber das war in frühen Kindertagen und eigentlich war mir der Ort damals sehr klein und etwas langweilig erschienen. Ich wollte diesen Eindruck einfach einmal überprüfen. 




















Um es gleich vorweg zu nehmen, der Ort ist alles andere als langweilig. Er ist sogar sehr malerisch mit dem kleinen spitzhaubigen Kirchlein inmitten der Weinberge. Fast könnte man sich im Elsaß vermuten. Aber warum in die Ferne schweifen...Im Altstadtkern empfingen mich lauschige kleine Gässchen mit weinbewachsenen Fachwerkhäuschen - hübsch und fast pittoresk, aber nicht zu sehr herausgeputzt. Alles wirkt noch irgendwie echt und wie von wirklichen Menschen bewohnt. Ohne, dass ich es eigentlich plante, lief ich immer auf das niedliche Kirchlein zu, das da so schön am Anfang der Weinberge liegt. Es liegt rechts von einem schönen Brückenhaus, welches in einem schönen Rundbogen die Straße freigibt. 



Danach geht es Richtung "Hölle", eine bekannte Weinlage, die ihren Namen übrigens von dem Wort Halde (Hang) ableitet, wie ich auf dem Weg erfuhr. Wie diese "Hölle" aussieht, wollte ich genauer wissen und schlenderte den Weg, der zwischen Weinbergen durchführte, weiter entlang. Ich hatte die Sonne hier unterschätzt und musste mein großes Halstuch als Sonnenschutz zweckentfremden. Weiter ging es nun an den Weinreben verschiedener zum Teil mir bekannter Winzer entlang. Wo es die "Hölle" gibt, ist auch der "Himmel" nicht weit, so der Name eines hiesigen Weingutes. Die sprichwörtliche Lieblichkeit der Landschaft wird hier nur gestört von den startenden Flugzeugen, die ganz in der Nähe abfliegen und dem Firmenlogo der Opelwerke Rüsselsheim - beides weithin sichtbar und etwas desillusionierend. Auf dem Rückweg Richtung Kirchlein wartete aber noch eine überraschend nette kleine Etappe. Ebenfalls inmitten der Weinberge erhebt sich ein bemerkenswerter Gedenkstein mit Zinnen und schönem Wappen, dass einen Löwen und ein Einhorn zeigt. Auf einer Tafel wird erklärt, was es damit für eine Bewandtnis hat: Der Gedenkstein wurde zu Ehren von Queen Victoria aufgestellt, die Hochheim im Jahr 1845 besucht hat. Von diesem Besuch her rührt auch die englische Bezeichnung "Hock" für einen guten Rheinwein aus der Gegend. Das Wörtchen "Hock" war für die englische Zunge einfacher als Hochheim und so etablierte sich diese Bezeichnung zum eigenen (Qualitäts-)Begriff. Jetzt wurde mir endlich auch klar, was die Bezeichnung "The sparkling Hock" bestimmter Sektmarken zu bedeuten hat. An Wissen reicher kam ich nun also nach Hochheim zurück und erfrischte mich zuerst am Kirchhof mit einem Glas Wasser und einem Glas "Hölle" von spritzig, fruchtiger Note. Nur wenige Schritte weiter lockte ein lauschiges Höfchen, wo ich mich stärkte und dazu einen Riesling des Weingutes "Himmel" trank, der ebenfalls sehr zu empfehlen ist. Der krönende Abschluss des Ausfluges kommt aber noch: Bei einem letzten Streifzug durch die Gässchen sah ich mir eines der Häuser, das mit Schiefer verkleidet und am Sims schön bemalt war, genauer an. Auch das schmiedeeiserne Tor war bewundernswert. Aber hinter diesem Tor, etwas nach hinten versetzt, befand sich ein wahres Kleinod von Weingut. Ein herrschaftliches klassizistisches Haus in hellem Gelb, mit großen weißen Fensterläden. Ich schaute sehnsüchtig durch das Tor. Es handelte sich um ein ziemlich traditionsreiches Weinhaus, wie ich an einer Tafel erfuhr. Aber an diesem Sonntag Abend schien es ein wenig verweist. Als ich schließlich mit der Hand gegen das Tor drückte, gab es nach. Es war nicht verschlossen, ich glitt hindurch und wagte mich vorsichtig etwas in Richtung des schönen Herrenhauses. Auf leisen Sohlen schlich ich mich noch etwas weiter heran und plötzlich erschien in einem der langen Fenster eine hochgewachsene ältere Dame. Ob ich etwas Wein kaufen könne, fragte ich und sie wollte erst nicht, sagte, dass heute schließlich Sonntag sei. Aber im Sprechen kam sie schon herunter, stand in der Tür des Herrschaftshauses und kam langsam näher. Nur kartonweise meinte sie und ob ich ihre Weine denn kenne. Ich würde schon einen Karton nehmen, sagte ich und wird landeten in der schönen, ebenfalls traditionsreichen Probierstube. Ich fühlte mich gleich wohl und ein klein wenig Neid oder Wehmut oder beides streifte meine Gedanken. Welchen möchten Sie denn? Der Riesling Classic hat mir gefallen. Oh ja, der ist beliebt, Everybody's Darling sozusagen. Sie gab mir dann aber doch drei Sorten zu probieren und ich entschied mich für den Riesling, der sehr traubig und sommerlich schmeckt und dann noch für die kernig trockene "Hölle". Drei Fläschchen so, drei Fläschchen so, eine würdige kleine Beute von einem kleinen Streifzug in den Rheingau. Ach ja und das Weingut verdient ein paar Entdecker mehr: www.domdechantwerner.com
















Sonntag, 28. Juli 2013

Im Salon des Hugenottenhauses

Am 27. Juli war vielleicht der heißeste Tag dieses Sommers, auf jeden Fall aber der heißeste Tag des Julis 2013. Gleichzeitig war es der Tag einer kleinen Premiere. Denn es war eine Lesung geplant aus meinem Stadtführer "Offenbach zu Fuß" mit anschließender kleiner Führung auf Goethes und Lilis Spuren durch die klassischste Ecke Offenbachs mit einem Ausklang im Gemeindehaus der französisch-reformierten Kirche. Ich habe mich sehr über diese Möglichkeit gefreut, denn ich war selbst noch nie in diesem Haus in der Herrnstraße 66, was 1775 als Vermächtnis der Pfarrerswitwe Anna Maria Romagnac in den Besitz der französisch-reformierten Gemeinde gelangte. Es ist das älteste noch erhaltene Haus hugenottischer Bauweise in Offenbach.






Um so schöner, dass wir gestern die Gelegenheit hatten, es einmal von innen zu betrachten. Mit mir waren knapp 40 Teilnehmer, die tapfer mit mir die kleine Tour die Herrnstraße entlang Richtung Main, dann ein Stück am Main entlang, nach links über Speyerstraße und Linsenberg und durch den Büsingpark gewandert waren. Wobei viele leicht nostalgisch, aber den Temperaturen durchaus angemessen mit Strohhut und Fächer gewappnet dem gleißenden Licht würdig trotzten. So waren auch unsere kleinen Pausen unter Bäumen, wo ich ein paar Gedichte von Goethe an und über Lili gelesen habe, dazu angetan unsere kleine Zeitreise perfekt zu machen. 

So ähnlich wie der Salon des Pfarrhauses der französisch reformierten Gemeinde mag es nebenan im Hause André, Herrnstraße 54, wo Goethe und Lili ein und ausgingen auch ausgesehen haben. Der schöne eingebaute Eckschrank stammt wohl noch aus der Zeit. Es war eine Freunde, den Raum nun so fröhlich bevölkert und die Offenbacher und interessierte Besucher sozusagen in ihrer eigenen Stadtgeschichte sitzen zu sehen. Alle tranken Kaffee, aßen den guten Blechkuchen von Bäcker Beck und schnatterten durcheinander, so ähnlich wie bei Gesellschaften früher eben auch geschnattert wurde.





Zur Erinnerung möchte ich hier noch einmal das Gedicht Lili's Park von Goethe, das gestern besonders auch den Herren sehr gefallen hat, zitieren. Zumal ich es gestern der Hitze wegen nur in einer ziemlich gekürzten Version zum Besten geben konnte. Hier können es sich alle nochmals in voller Länge auf der Zunge zergehen lassen:


Lili's Park

Ist doch keine Menagerie
So bunt als meiner Lili ihre!
Sie hat darin die wunderbarsten Tiere
Und kriegt sie 'rein, weiß selbst nicht wie.
O wie sie hüpfen, laufen, trappeln,
Mit abgestumpften Flügeln zappeln,
Die armen Prinzen allzumal,
In nie gelöschter Liebesqual!

"Wie hieß die Fee? Lili?" - Fragt nicht nach ihr!
Kennt ihr sie nicht, so danket Gott dafür.

Welch ein Geräusch, welch ein Gegacker,
Wenn sie sich in die Türe stellt
Und in der Hand das Futterkörbchen hält!
Welch ein Gequiek, welch ein Gequacker!
Alle Bäume, alle Büsche
Scheinen lebendig zu werden:
So stürzen sich ganze Herden
Zu ihren Füßen; sogar im Bassin die Fische
Patschen ungeduldig mit den Köpfen heraus.
Und sie streut dann das Futter aus
Mit einem Blick - Götter zu entzücken,
Geschweige die Bestien. Da geht's an ein Picken,
An ein Schlürfen, an ein Hacken;
Sie stürzen einander über die Nacken,
Schieben sich, drängen sich, reißen sich,
Jagen sich, ängsten sich, beißen sich -
Und das all um ein Stückchen Brot,
Das, trocken, aus den schönen Händen schmeckt,
Als hätt' es in Ambrosia gesteckt.

Aber der Blick auch! der Ton,
Wenn sie ruft: "Pipi! Pipi!",
Zöge den Adler Jupiters vom Thron;
Der Venus Taubenpaar,
Ja der eitle Pfau sogar,
Ich schwöre, sie kämen,
Wenn sie den Ton von weitem nur vernähmen.
Denn so hat sie aus des Waldes Nacht
Einen Bären, ungeleckt und ungezogen,
Unter ihren Beschluß herein betrogen,
Unter die zahme Kompanie gebracht
Und mit den andern zahm gemacht:
Bis auf einen gewissen Punkt, versteht sich!
Wie schön und ach! wie gut
Schien sie zu sein! Ich hätte mein Blut
Gegeben, um ihre Blumen zu begießen.

"Ihr sagtet: ich! Wie? Wer?"
Gut denn, ihr Herrn, gradaus: Ich bin der Bär;
In einem Filetschurz gefangen,
An einem Seidenfaden ihr zu Füßen.
Doch wie das alles zugegangen,
Erzähl' ich euch zur andern Zeit;
Dazu bin ich zu wütig heut.

Denn ha! steh' ich so an der Ecke
Und hör' von weitem das Geschnatter,
Seh' das Geflitter, das Geflatter,
Kehr' ich mich um
Und brumm',
Und renne rückwärts eine Strecke,
Und seh' mich um
Und brumm',
Und laufe wieder eine Strecke,
Und kehr doch endlich wieder um.

Dann fängt's auf einmal an zu rasen,
Ein mächt'ger Geist schnaubt aus der Nasen,
Es wildzt die innere Natur.
Was, du ein Tor, ein Häschen nur!
So ein Pipi! Eichhörnchen, Nuß zu knacken;
Ich sträube meinen borst'gen Nacken,
Zu dienen ungewöhnt.
Ein jedes aufgestutzte Bäumchen höhnt
Mich an! Ich flieh vom Bowlinggreen,
Vom niedlich glatt gemähten Grase;
Der Buchsbaum zieht mir eine Nase,
Ich flieh ins dunkelste Gebüsche hin,
Durchs Gehege zu dringen,
Über die Planken zu springen!
Mir versagt Klettern und Sprung,
Ein Zauber bleit mich nieder,
Ein Zauber häkelt mich wider,
Ich arbeite mich ab, und bin ich matt genung,
Dann lieg' ich an gekünstelten Kaskaden
Und kau' und wein' und wälze halb mich tot,
Und ach! es hören meine Not
Nur porzellanene Oreaden.

Auf einmal! Ach, es dringt
Ein seliges Gefühl durch alle meine Glieder!
Sie ist's, die dort in ihrer Laube singt!
Ich höre die liebe, liebe Stimme wieder,
Die ganze Luft ist warm, ist blütevoll.
Ach, singt sie wohl, daß ich sie hören soll?
Ich dringe zu, tret alle Sträuche nieder,
Die Büsche fliehn, die Bäume weichen mir,
Und so - zu ihren Füßen liegt das Tier.

Sie sieht es an: "Ein Ungeheuer! doch drollig!
Für einen Bären zu mild,
Für einen Pudel zu wild,
So zottig, täpsig, knollig!"
Sie streicht ihm mit dem Füßchen übern Rücken;
Er denkt im Paradiese zu sein.
Wie ihn alle sieben Sinne jücken!
Und sie - sieht ganz gelassen drein.
Ich küß' ihre Schuhe, kau an den Sohlen,
So sittig, als ein Bär nur mag;
Ganz sachte heb ich mich und schwinge mich
verstohlen
Leis an ihr Knie - am günst'gen Tag
Läßt sie's geschehn und kraut mir um die Ohren
Und patscht mich mit mutwillig derbem Schlag;
Ich knurr', in Wonne neu geboren;
Dann fordert sie mit süßem, eitlem Spotte:
"Allons tout doux! eh la menotte!
Et faites serviteur
Comme un joli seigneur."
So treibt sie's fort mit Spiel und Lachen!
Es hofft der oft betrogne Tor;
Doch will er sich ein bißchen unnütz machen,
Hält sie ihn kurz als wie zuvor.

Doch hat sie auch ein Fläschchen Balsamfeuers,
Dem keiner Erde Honig gleicht,
Wovon sie wohl einmal, von Lieb' und Treu' erweicht,
Um die verlechzten Lippen ihres Ungeheuers
Ein Tröpfchen mit der Fingerspitze streicht
Und wieder flieht und mich mir überläßt,
Und ich dann, losgebunden, fest
Gebannt bin, immer nach ihr ziehe,
Sie suche, schaudre, wieder fliehe -
So läßt sie den zerstörten Armen gehn,
Ist seiner Lust, ist seinen Schmerzen still;
Ha! manchmal läßt sie mir die Tür' halb offen stehn,
Seitblickt mich spottend an, ob ich nicht fliehen will.

Und ich! - Götter, ist's in euren Händen,
Dieses dumpfe Zauberwerk zu enden,
Wie dank ich, wenn ihr mir die Freiheit schafft!
Doch sendet ihr mir keine Hülfe nieder -
Nicht ganz umsonst reck ich so meine Glieder:
Ich fühl's! Ich schwör's! Noch hab ich Kraft!

Freitag, 21. Juni 2013

Ein sicherer Hafen

Am ersten Mai ging es ja wieder los, im Hafen 2 http://www.rotari.de/1-0-Programm.html?show=categories und ich war auch aus Neugier dort. Wie jeder aber weiß, war der Mai gar nicht wonnig vom Wetter her und so war der letzte Sonntag ein viel schönerer Tag für das neue Gelände und fast wie Urlaub. Das fanden auch 6 (sechs in Worten) Frankfurter, genauer Bornheimer, die extra mit dem Rad gekommen waren, um den "neuen" Hafen zu bestaunen und mit denen ich mich dort getroffen habe.

Es ist interessant und schön zugleich, dass das neue Gelände und ebenso die Räumlichkeiten tatsächlich die Aura der früheren Örtlichkeit flussabwärts mitgenommen haben. Sowas gelingt ja fast nie. Aber alle meine Freundinnen aus Bornheim und deren Lebensabschnittsmänner, die den Hafen 2 vorher kannten, fanden: Das Experiment ist gelungen. Natürlich, es muss noch etwas grüner werden und weniger baustellenmäßig. Aber insgesamt kann man dort schon sehr angenehm einen Sommersonntag verbringen.


Am Eingang des Geländes macht das künstlerische Holzgerüst auf der Wiese gleich mal klar, dass das hier ein Ort von OFF-Kunst/Kultur/Kaffee ist - erinnert mich an die Einrichtung der Pop-up Restaurant von Tobias Rehberger auf der anderen Mainseite. Danach fällt der Blick auf den Eingang des Cafés bzw. der Halle. Der Komplex mit der luftigen Glaswand lässt Assoziationen zu Werkshallen aufkommen und knüpft so an die alten Gebäude des Lokschuppens an, ohne jedoch etwas nachzuahmen. Für die Verbindung sorgen außerdem die beiden Zirkuswagen und die Bestuhlung des alten Hafencafés.



















Tolle Neuerung in der Bewirtung ist superleckeres Bio-Eis von Das Eis. Ich probierte einen Traum von fruchtigem Himbeere-Sorbet (Himmlisch Himbeer)http://www.daseis.eu/articles.php?wid=3&news=6. Tja und der Espresso ist wieder unerreicht gut. Das liegt wohl auch an der tollen Maschine, für die der Betreiber wie ich hörte, ein Faible hat. Das Ende vom Lied war, dass wir stundenlang auf den Biergarnituren in der Sonne verharrten bei Rhabarberschorle, Kaffee, Eis, Pommer Frites...Rhabarberschorle, Kaffee, Eis, Pommes Frites...und uns köstlich amüsierten beim Blick auf das Publikum des nahen Kinka-Beach.





Und das beste ist: Der neue Hafen 2 liegt in der direkten Achse zu meiner Wohnung, einfach immer geradeaus.


















Montag, 10. Juni 2013

Wiener Lebensart in Offenbach

Ein Wiener hat in Offenbach Einzug gehalten. Kein gebürtiger zwar, aber einer der zu Offenbach passt. Der Betreiber des "Rosmarin" im Kleinen Biergrund Nummer 11 hat ägyptische Wurzeln. Als Wahl-Wienerin war ich da natürlich neugierig drauf...und muss nach dem ersten Besuch sagen: So eine klitzekleine kleine Wien-Sehnsucht kann man dort stillen.

Das fängt schon bei der freundlichen Verbindlichkeit des Wirtes an, der einen an der Tür empfängt. Die Einrichtung mit braungemusterten Tapeten und goldgerahmtem Spiegel und zwei Bilder rechts und links der Theke - eins vom Interieur des bekannten Café Ritter und das andere ein alter Wiener Stadtplan - machen das Eintauchen in eine wienerische Empfindung leicht. Musik von Mozart tut das Übrige. Eigentlich ist das Rosmarin ein klitzekleines Kaffeehaus im klassischen Sinn, mit allem, was es dort auch gibt vom Wiener Schnitzel bis zur Sachertorte. 

Ich wähle einen Ruccola-Salat mit gebratenen Rindfleischstreifen. Das kommt schnell und ist sehr schön angerichtet auf dem großen rechteckigen Teller. Der Ruccola ist mundgerecht gekürzt, das Dressing ist leicht und lecker, das Fleisch zart. Die freundliche Bedienung und der Wirt fragen immer mal nach und sind neugierig, ob es mir schmeckt. Das ist vielleicht etwas bemüht, aber noch charmant. Nachdem ich fertig bin und einen Espresso bestelle (das nächste Mal probiere ich den Mocca) erhalte ich unaufgefordert eine kleine Portion Kaiserschmarren mit selbst gemachtem Pflaumenmus zum Dessert - die ich widerspruchslos und trotz Glutenunverträglichkeit genüsslich verzehre. Der Espresso ist auch top, schön stark und keine säuerliche Note. 

Während ich das zu mir nehme, frage ich mich, ob der ägyptische Wirt "sein" Wien, wo er wohl lange gelebt und seine Ausbildung gemacht hat, vermisst? Vielleicht pflegt er sein eigenes Heimweh mit diesem kleinen Lokal? Es muss wohl so sein, denke ich mit Blick auf knallgelbe Sonnenschirme und den Ein-Euro-Laden gegenüber. Aber er scheint schon GesinnungsgenossInnen gefunden zu haben, in unserer Stadt - das Lokal ist gut besucht und ich werde beim nächsten Mal Fotos machen.

Samstag, 1. Juni 2013

Nel cielo delle dolci

In den Räumen der früheren Bäckerei Zwick, Bleichstraße Ecke Karlstraße residiert seit einigen Jahren eine waschechte italienische Pasticceria. In dieser italienische Ecke des Mathildenviertels unterhalb der Marienkirche gehört sowas einfach dazu - und fand deshalb in "Offenbach zu Fuß" bereits lobende Erwähnung. Doch kaum sind ein paar Monate vergangen, gibt es schon wieder Neues zu berichten: Der schöne Sternenhimmel, ein Relief oben am Jugendstilputzbau, ist leider der Restaurierung des Hauses zum Opfer gefallen. Jedenfalls ist davon nichts mehr zu sehen. Schade. Etwas weiter unten im Inneren der ehemaligen Bäckerei ist es nach der Renovierung wahrhaft himmlisch geworden.


























Die Pasticceria lädt im neuen Ambiente zum Verweilen ein und ist kein bisschen finster mehr. Es ist ein sehr nettes kleines Café entstanden, in typisch süditalienischer Manier mit bisschen Stuck und Rokoko - aber gemütlich. Man kann sich nun mit ein paar himmlischen kleinen Süßigkeiten an einen der Tische setzen, einen wunderbaren Espresso trinken und einen sehr original-italienischen Augenblick erleben. Und manchmal dauert der Augenblick auch etwas länger - bis so ein ein kleines Kapitel fertig geschrieben ist beispielsweise.

Gestern aß ich mal keine Cannoli, sondern Mini-Obsttörtchen mit Erdbeeren und Pfirsich. Darunter verbarg sich eine himmlisch leichte Creme, einmal in rosa, einmal in weiß. Superfrisch und mit sehr viel Liebe gemacht. Unnötig zu sagen, dass er Espresso höchsten Ansprüchen genügt. Beim nächsten Mal werde ich mal keine Dolci essen, sondern die Arancini probieren, sizilianische Reisbällchen, die meist mit Hackfleisch und Erbsen gefüllt sind. Die konische Form weist eigentlich auf die Provinz Ragusa hin. Dazu würde wiederum auch  die barocke Einrichtung des Cafés passen. Eins steht fest: Die Pasticceria "Il Pasticcino" hat das Zeug zu einem kleinen Kultort und Treffpunkt für Italiener und Wahlitaliener.

Freitag, 31. Mai 2013

Bilder aus der Backstube

Diese Woche habe ich meine Schritte nochmals Richtung Peters' Bakery und Friedrichstraße gelenkt, wo am 22.5. die Buchpräsentation meines Stadtführers "Offenbach zu Fuß" stattfand. Dort befanden sich noch ein paar kleine Hinterlassenschaften von mir, ein Paar Schuhe, ein Tuch, ein paar Flaschen Wein. Und als ich wieder über den hübschen Mosaiksteinboden lief und mir der Hausherr Michael Peters die Tür öffnete, fand ich, dass ich doch einmal ein paar Worte über diese Privatgalerie verlieren müsste, die nicht im Buch stehen, da es im betreffenden Kapitel um das Thema Essen und nicht um Kunst geht.



Also Peters' Bakery http://www.peters-bakery.de/ ist ein hübscher kleiner Kunstort im Herzen der alten Straßen um den Wilhelmsplatz herum. Michael Peters hat sich in die Räume samt Backstube auf den ersten Blick verliebt und diese vor ein paar Jahren angemietet. Dort bewahrt er seine verschiedenen Sammlungen, teils skurriler Dinge, wie alte Koffer, die allesamt eine interessante Lebensgeschichte erzählen könnten oder kleine Kästchen, die bis zur Decke gestapelt schön in Szene gesetzt sind. Dort baut er eigene Möbel oder Lampen wie die aus Strandgut über dem großen Tisch.

Daneben gibt es hier laufende Ausstellungen zeitgenössischer befreundeter Künstler. Diese machten allerdings gleich zu Anfang die Auflage: Wir stellen hier nur aus, wenn Du auch was machst. Also fing Michael Peters an. Als leidenschaftlicher Fotograf hatte er zunächst die Idee seine Fotografien auszustellen, doch das wollten die anderen Künstler nicht gelten lassen. Und so wagte er sich mit Buntstiften an eine erste leere kleine Leinwand. Oder vielleicht besser an eine mit Kreide vorbehandelte hölzerne Bildfläche. Inspirationsquelle für die handlichen Kunstwerke in duftigen Farben, wie man sie sich an einem lauen Sommerabend träumt, waren seine Fotos.

Die Motive für die gegenwärtige Ausstellung sind aber nicht eben idyllisch, sondern eher bunt und realistisch - aber durchaus gut gelaunt. In Szene gesetzt wird, was man sonst eben nicht gerade den Vordergrund würde: Baulücken, bizarre Häuserreihen und Hinterhöfe. In diesen Architekturstudien unterschiedlichster Stile, wie man sie oft in Großstädten dicht nebeneinander hat, erkennt man den Design-Spezialisten, der sich für die Form der Dinge begeistern kann. 



Im Herzen der linken Bilderwand (oben) hängt ein Offenbacher Hinterhof, nämlich Michael Peters' Blick aus der Backstube in das Hintendran der Friedrichstraße 16 und im Herzen der rechten Bilderwand (unten) klaffen nun zwei Lücken. Die beiden Ansichten hat gerade eine Offenbacherin gekauft, als ich reinkam. 



Bei der Ansicht des Hinterhofs Friedrichstraße bin ich schwer in Versuchung...schließlich verbinde ich mit dem Ausblick aus dieser Backstube ein kleines Ereignis...und es würde sich an der leeren Wand in meinem Büro sehr gut machen.


Dienstag, 28. Mai 2013

Ein Stück vom echten Frankfurt

Nach vielen, vielen Jahren war ich am Samstag Abend im Frankfurter Volkstheater - zum letzten Mal. Gegeben wurde "La cage aux folles" - "Ein Käfig voller Narren". Unnötig zu sagen, dass da am Samstag Abend viel Prominenz und Presse einer Institution den Abschied gaben. Und vielleicht auch unnötig zu sagen, dass viele sehr traurig waren und immer noch Unverständnis herrschte darüber, dass es für das Volkstheater keinen anderen Weg gab. 

Aber, was wirklich mal gesagt werden muss: Das Stück war toll inszeniert und großartig dargeboten. Die Choreographie, wie da die sechs "Cagelles", zu einem guten Teil Männer in Frauenkleidern, in Pelzen und in verruchten Dessous, immer von neuem über die Bühne fegten und ihren wilden letzten Reigen tanzten, war gekonnt und witzig zugleich, was man nicht immer sagen kann. Und die Schlager mit den Texten, wie beispielsweise das Liebeslied vom eisernen Steg "Ich bin jung und verliebt" waren sehr herzig ins Frankfurter Lokalkolorit adaptiert und dabei doch spritzig (wenn man das als Offenbacherin einmal sagen darf). Schließlich habe ich jahrelang meine Mittagspausen im Hirschgraben zugebracht. http://www.youtube.com/watch?v=5_yhWsM8x9U




Ganz zu schweigen natürlich von Beppie La Belle, der mit den schönsten Spitzen aufwartete, à la "...die Trepp' nemme mer mit. Solle die Annern doch sehe wie se nuf komme." Ich kann es gar nicht anders sagen, es war ganz große Klasse! Und einiges bekam an diesem Abend eine ganz besondere Dramatik. Aber bei all dem beschleicht mich doch die Ahnung, dass dieser letzte Erfolg vielleicht und nicht umsonst auch der größte war. 

Denn viele Jahre spielte das Volkstheater so etwas im Verborgenen dahin für eine relativ kleine ältere Zielgruppe. Und sehr selten war ein Titel dabei, bei dem ich wirklich Lust bekommen hätte, hinzugehen. Ja, es stimmt: Da geht nun ein Stück vom echten Frankfurt verloren. Vor allem aber auch, weil das Volkstheater eine Vergnügung mitten in der City für ganz normale Leute bot, abseits von Glamour und Schicki-Micki. 

Mundart soll allerdings weiter eine Bühne haben, in Beppies "Theatrallala" - und ganz sicher kann man dort einen lustigen, frech-bissigen Abend verleben - was ich bald mal einplanen werde.http://www.theatrallalla.de/stuecke-shows/