Mittwoch, 3. Januar 2018

Zwischen den Zeiten im Petit Boudoir und in der Schirn

Dieses Loch in der Zeit - so nannte eine Freundin letztens diese etwas zeitlose Zeit "Zwischen den Jahren". Ich weiß nicht, wie es anderen geht, aber dieses Loch in der Zeit ist für mich eine Zeit der Ideen. Da ist das alte abgeschlossen und das neue hat noch nicht angefangen. Und auch die erste Januarwoche fühlt sich noch so an, als wollte das neue Jahr noch nicht so recht in Schwung kommen. Gut so! 

Letzten Donnerstag nutzte ich dementsprechend für inspirierende Begegnungen und Unternehmungen. Mit einer Freundin traf ich mich in der Kaiserhofstraße 8. Nur zwei Häuser weiter, im Haus Nummer 12 hatte sich Valentin Sänger, der später weltberühmte Schriftsteller wegen seiner jüdischen Herkunft versteckt. Die Kaiserhofstraße scheint also ein Ort für Geheimnisse. Und so eines birgt auch die Hausnummer 8. In ihrer Bel Etage (im ersten Stock) befindet sich das Petit Boudoir http://www.petitboudoir.de/petitboudoir/- eine kleine Welt für sich, wo man Crémant trinkt, die Hände in zarten Spitzen vergräbt und der Welt da draußen für ein, zwei Stunden entkommt. Erika Banks, die Initiatorin und Geschäftsführerin ist eine faszinierende Frau, die einen siebten Sinn für die Sinne hat. 


 

Die eigentliche Wohnung, die man über ein eher nüchternes 60er Jahre Treppenhaus betritt, hat sie zu ihrem Petit Boudoir umgestaltet. Kostbare Tapeten mit Jugendstilmotiven, schwere Samtvorhänge, ein Himmelbett, prächtige Fauteuils und Marmortischlein aus längst vergangen Zeiten bevölkern die drei Zimmer. Wir nippen am prickelnden Vergnügen und probieren kostbare Wäsche. Die Luft ist erfüllt von unserem perlenden Lachen und einer Spannung, die diese besondere Atmosphäre erzeugt. Wir schmieden Pläne für das nächste Jahr und gleiten sehr sanft wieder auf die Straße hinaus in diese Zeit "Zwischen den Jahren", die nicht zu zählen scheint.

Bestens dazu passt eine Verabredung mit meinem Freund in der Schirn zur Ausstellung "Glanz und Elend in der Weimarer Republik". Die Weimarer Republik war auch so eine Zwischenzeit, eine Zeit zwischen den Kriegen und zwischen starken politischen Extremen. Das Petit Boudoir hätte dort gut hineingepasst. Damals, so scheint es mir, gab es viele solcher Orte, an denen die Welten aufeinander prallten, die Welten von Mann und Frau, die Welten von Vernunft und Verführung, von Armut und Reichtum. 

Wieder faszinieren mich besonders die Bilder der Künstlerinnen wie Jeanne Mammen, Elfriede Lohse-Wächter oder Dodo (Dörte Clara Wolff), die sich besonders mit der veränderten Rolle der neuen Frau auseinandersetzen, und die für ihre Szenerien auch Orte auswählen, die den Charme des Abgrunds mit all seinen Versuchungen atmen. Hier werden Frauen gezeigt, die eine wilde Nacht vor oder hinter sich haben, die sich vergnügen mit selbst verdientem Geld oder ergaunertem Luxus. Dabei sind sie nicht immer schön. Die Ambivalenz der Gefühle zwischen Anziehung und Widerwillen, zwischen Schönheit und Hässlichkeit, zwischen Glanz und Elend, die in den Bildern gezeigt wird, spiegelt auch die Extreme einer Zeit, die wie es im Grußwort des sehr guten Katalogs zur Ausstellung heißt "...mehr als jede andere (Epoche) Bezüge zu unserer heutigen Situation aufweist." (S. 5) 


 

Wahrscheinlich ist die Ausstellung deshalb ebenso berührend wie faszinierend, denn die Besucher waren durchaus zahlreich an diesem Nachmittag - und durchaus jünger als ich. Und man sollte sie auf keinen Fall versäumen. Danach stürzten wir uns noch in ein weltliches Vergnügen, wie um die Zeit noch ein wenig festzuhalten: ins Café Iimori und verspeisten köstliche Green Matcha Torte, zart wie Seide und ein ganz klein wenig bitter. 



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