Samstag, 28. Dezember 2013

Wo ich jetzt gern wär'

Dieses Jahr fällt mir Weihnachten schwer und Winter und diese Wechselzeit zwischen den Jahren. Es ist so trist, dieser Regen und dieses Licht, das keines ist. Da würde ich gern einmal ein paar Wochen entfliehen, in eine andere Zeit. Denn im Moment wird es in Triest wohl auch so ähnlich sein wie hier, jedenfalls anders als an jenen letzten Tagen im August. Da schien alles so leicht. Der große Vorteil allerdings, den Triest bietet, ist, dass es dort noch immer so schöne Schreiborte gibt. 

Einer dieser Schreiborte, wo einem die Worte nur so aus der Feder fließen, ist das Caffè Tommaseo http://www.caffetommaseo.com. Woran liegt das wohl, dachte ich mir, als ich so dort drinnen in einer schönen Nische saß. Ich glaube, es ist deshalb so, weil man die Welt um sich herum vollkommen vergessen kann und doch mitten in dieser Welt sitzt. Man hört das Murmeln, die wunderbar gutturale italienische Sprachmelodie, die die Schwere des deutschen Gemüts aus dem Kopf treiben und durch ein leichtes Tänzeln ersetzen. 

Eine weitere Beflügelung der Inspiration erfolgt durch den Aperitivo, in der Stunde zwischen Tag und Traum. Man bestellt einen Hugo oder ganz klassisch einen Martini und erhält dazu ein gar nicht so kleines Sortiment an wohlschmeckenden Knabbereien: Grüne Oliven, getrocknete Tomaten, leicht gesalzene Kartoffelchips. Und damit lässt sich wunderbar die Zeit bis zum Abendessen überbrücken oder ein wenig Traurigkeit oder ein wenig Langeweile. 


Sonntag, 11. August 2013

A good Hock keeps off the doc

Immer, wenn ich an einem schönen Sommer- oder Herbsttag im Rheingau gewesen bin und das ist meistens so zweimal im Jahr, danke ich an diesen schönen Anfang des Romans "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull" von Thomas Mann und zwar besonders an jene Zeilen: "Der Rheingau hat mich hervorgebracht, jener begünstigte Landstrich, welcher, gelinde und ohne Schroffheit sowohl in Hinsicht auf die Witterungsverhältnisse wie auf die Bodenbeschaffenheit, reich mit Städten und Ortschaften besetzt und fröhlich bevölkert, wohl zu den lieblichsten der bewohnten Erde gehört." Gerne würde ich das auch von mir sagen können, dem ist nicht so, aber wenigstens ist dieses Fleckchen Erde weniger als eine Stunde Fahrt von Offenbach entfernt.


Diesmal war Hochheim das Ziel und das war eine gute Wahl, weil der Ort nämlich besonders nah und fast vor der Haustür liegt und weil sich dort das Staatsweingut der Stadt Frankfurt befindet, dem ich schon immer mal einen Besuch abstatten wollte. Es ist nicht so, dass ich noch nie in Hochheim gewesen bin, aber das war in frühen Kindertagen und eigentlich war mir der Ort damals sehr klein und etwas langweilig erschienen. Ich wollte diesen Eindruck einfach einmal überprüfen. 




















Um es gleich vorweg zu nehmen, der Ort ist alles andere als langweilig. Er ist sogar sehr malerisch mit dem kleinen spitzhaubigen Kirchlein inmitten der Weinberge. Fast könnte man sich im Elsaß vermuten. Aber warum in die Ferne schweifen...Im Altstadtkern empfingen mich lauschige kleine Gässchen mit weinbewachsenen Fachwerkhäuschen - hübsch und fast pittoresk, aber nicht zu sehr herausgeputzt. Alles wirkt noch irgendwie echt und wie von wirklichen Menschen bewohnt. Ohne, dass ich es eigentlich plante, lief ich immer auf das niedliche Kirchlein zu, das da so schön am Anfang der Weinberge liegt. Es liegt rechts von einem schönen Brückenhaus, welches in einem schönen Rundbogen die Straße freigibt. 



Danach geht es Richtung "Hölle", eine bekannte Weinlage, die ihren Namen übrigens von dem Wort Halde (Hang) ableitet, wie ich auf dem Weg erfuhr. Wie diese "Hölle" aussieht, wollte ich genauer wissen und schlenderte den Weg, der zwischen Weinbergen durchführte, weiter entlang. Ich hatte die Sonne hier unterschätzt und musste mein großes Halstuch als Sonnenschutz zweckentfremden. Weiter ging es nun an den Weinreben verschiedener zum Teil mir bekannter Winzer entlang. Wo es die "Hölle" gibt, ist auch der "Himmel" nicht weit, so der Name eines hiesigen Weingutes. Die sprichwörtliche Lieblichkeit der Landschaft wird hier nur gestört von den startenden Flugzeugen, die ganz in der Nähe abfliegen und dem Firmenlogo der Opelwerke Rüsselsheim - beides weithin sichtbar und etwas desillusionierend. Auf dem Rückweg Richtung Kirchlein wartete aber noch eine überraschend nette kleine Etappe. Ebenfalls inmitten der Weinberge erhebt sich ein bemerkenswerter Gedenkstein mit Zinnen und schönem Wappen, dass einen Löwen und ein Einhorn zeigt. Auf einer Tafel wird erklärt, was es damit für eine Bewandtnis hat: Der Gedenkstein wurde zu Ehren von Queen Victoria aufgestellt, die Hochheim im Jahr 1845 besucht hat. Von diesem Besuch her rührt auch die englische Bezeichnung "Hock" für einen guten Rheinwein aus der Gegend. Das Wörtchen "Hock" war für die englische Zunge einfacher als Hochheim und so etablierte sich diese Bezeichnung zum eigenen (Qualitäts-)Begriff. Jetzt wurde mir endlich auch klar, was die Bezeichnung "The sparkling Hock" bestimmter Sektmarken zu bedeuten hat. An Wissen reicher kam ich nun also nach Hochheim zurück und erfrischte mich zuerst am Kirchhof mit einem Glas Wasser und einem Glas "Hölle" von spritzig, fruchtiger Note. Nur wenige Schritte weiter lockte ein lauschiges Höfchen, wo ich mich stärkte und dazu einen Riesling des Weingutes "Himmel" trank, der ebenfalls sehr zu empfehlen ist. Der krönende Abschluss des Ausfluges kommt aber noch: Bei einem letzten Streifzug durch die Gässchen sah ich mir eines der Häuser, das mit Schiefer verkleidet und am Sims schön bemalt war, genauer an. Auch das schmiedeeiserne Tor war bewundernswert. Aber hinter diesem Tor, etwas nach hinten versetzt, befand sich ein wahres Kleinod von Weingut. Ein herrschaftliches klassizistisches Haus in hellem Gelb, mit großen weißen Fensterläden. Ich schaute sehnsüchtig durch das Tor. Es handelte sich um ein ziemlich traditionsreiches Weinhaus, wie ich an einer Tafel erfuhr. Aber an diesem Sonntag Abend schien es ein wenig verweist. Als ich schließlich mit der Hand gegen das Tor drückte, gab es nach. Es war nicht verschlossen, ich glitt hindurch und wagte mich vorsichtig etwas in Richtung des schönen Herrenhauses. Auf leisen Sohlen schlich ich mich noch etwas weiter heran und plötzlich erschien in einem der langen Fenster eine hochgewachsene ältere Dame. Ob ich etwas Wein kaufen könne, fragte ich und sie wollte erst nicht, sagte, dass heute schließlich Sonntag sei. Aber im Sprechen kam sie schon herunter, stand in der Tür des Herrschaftshauses und kam langsam näher. Nur kartonweise meinte sie und ob ich ihre Weine denn kenne. Ich würde schon einen Karton nehmen, sagte ich und wird landeten in der schönen, ebenfalls traditionsreichen Probierstube. Ich fühlte mich gleich wohl und ein klein wenig Neid oder Wehmut oder beides streifte meine Gedanken. Welchen möchten Sie denn? Der Riesling Classic hat mir gefallen. Oh ja, der ist beliebt, Everybody's Darling sozusagen. Sie gab mir dann aber doch drei Sorten zu probieren und ich entschied mich für den Riesling, der sehr traubig und sommerlich schmeckt und dann noch für die kernig trockene "Hölle". Drei Fläschchen so, drei Fläschchen so, eine würdige kleine Beute von einem kleinen Streifzug in den Rheingau. Ach ja und das Weingut verdient ein paar Entdecker mehr: www.domdechantwerner.com
















Sonntag, 28. Juli 2013

Im Salon des Hugenottenhauses

Am 27. Juli war vielleicht der heißeste Tag dieses Sommers, auf jeden Fall aber der heißeste Tag des Julis 2013. Gleichzeitig war es der Tag einer kleinen Premiere. Denn es war eine Lesung geplant aus meinem Stadtführer "Offenbach zu Fuß" mit anschließender kleiner Führung auf Goethes und Lilis Spuren durch die klassischste Ecke Offenbachs mit einem Ausklang im Gemeindehaus der französisch-reformierten Kirche. Ich habe mich sehr über diese Möglichkeit gefreut, denn ich war selbst noch nie in diesem Haus in der Herrnstraße 66, was 1775 als Vermächtnis der Pfarrerswitwe Anna Maria Romagnac in den Besitz der französisch-reformierten Gemeinde gelangte. Es ist das älteste noch erhaltene Haus hugenottischer Bauweise in Offenbach.






Um so schöner, dass wir gestern die Gelegenheit hatten, es einmal von innen zu betrachten. Mit mir waren knapp 40 Teilnehmer, die tapfer mit mir die kleine Tour die Herrnstraße entlang Richtung Main, dann ein Stück am Main entlang, nach links über Speyerstraße und Linsenberg und durch den Büsingpark gewandert waren. Wobei viele leicht nostalgisch, aber den Temperaturen durchaus angemessen mit Strohhut und Fächer gewappnet dem gleißenden Licht würdig trotzten. So waren auch unsere kleinen Pausen unter Bäumen, wo ich ein paar Gedichte von Goethe an und über Lili gelesen habe, dazu angetan unsere kleine Zeitreise perfekt zu machen. 

So ähnlich wie der Salon des Pfarrhauses der französisch reformierten Gemeinde mag es nebenan im Hause André, Herrnstraße 54, wo Goethe und Lili ein und ausgingen auch ausgesehen haben. Der schöne eingebaute Eckschrank stammt wohl noch aus der Zeit. Es war eine Freunde, den Raum nun so fröhlich bevölkert und die Offenbacher und interessierte Besucher sozusagen in ihrer eigenen Stadtgeschichte sitzen zu sehen. Alle tranken Kaffee, aßen den guten Blechkuchen von Bäcker Beck und schnatterten durcheinander, so ähnlich wie bei Gesellschaften früher eben auch geschnattert wurde.





Zur Erinnerung möchte ich hier noch einmal das Gedicht Lili's Park von Goethe, das gestern besonders auch den Herren sehr gefallen hat, zitieren. Zumal ich es gestern der Hitze wegen nur in einer ziemlich gekürzten Version zum Besten geben konnte. Hier können es sich alle nochmals in voller Länge auf der Zunge zergehen lassen:


Lili's Park

Ist doch keine Menagerie
So bunt als meiner Lili ihre!
Sie hat darin die wunderbarsten Tiere
Und kriegt sie 'rein, weiß selbst nicht wie.
O wie sie hüpfen, laufen, trappeln,
Mit abgestumpften Flügeln zappeln,
Die armen Prinzen allzumal,
In nie gelöschter Liebesqual!

"Wie hieß die Fee? Lili?" - Fragt nicht nach ihr!
Kennt ihr sie nicht, so danket Gott dafür.

Welch ein Geräusch, welch ein Gegacker,
Wenn sie sich in die Türe stellt
Und in der Hand das Futterkörbchen hält!
Welch ein Gequiek, welch ein Gequacker!
Alle Bäume, alle Büsche
Scheinen lebendig zu werden:
So stürzen sich ganze Herden
Zu ihren Füßen; sogar im Bassin die Fische
Patschen ungeduldig mit den Köpfen heraus.
Und sie streut dann das Futter aus
Mit einem Blick - Götter zu entzücken,
Geschweige die Bestien. Da geht's an ein Picken,
An ein Schlürfen, an ein Hacken;
Sie stürzen einander über die Nacken,
Schieben sich, drängen sich, reißen sich,
Jagen sich, ängsten sich, beißen sich -
Und das all um ein Stückchen Brot,
Das, trocken, aus den schönen Händen schmeckt,
Als hätt' es in Ambrosia gesteckt.

Aber der Blick auch! der Ton,
Wenn sie ruft: "Pipi! Pipi!",
Zöge den Adler Jupiters vom Thron;
Der Venus Taubenpaar,
Ja der eitle Pfau sogar,
Ich schwöre, sie kämen,
Wenn sie den Ton von weitem nur vernähmen.
Denn so hat sie aus des Waldes Nacht
Einen Bären, ungeleckt und ungezogen,
Unter ihren Beschluß herein betrogen,
Unter die zahme Kompanie gebracht
Und mit den andern zahm gemacht:
Bis auf einen gewissen Punkt, versteht sich!
Wie schön und ach! wie gut
Schien sie zu sein! Ich hätte mein Blut
Gegeben, um ihre Blumen zu begießen.

"Ihr sagtet: ich! Wie? Wer?"
Gut denn, ihr Herrn, gradaus: Ich bin der Bär;
In einem Filetschurz gefangen,
An einem Seidenfaden ihr zu Füßen.
Doch wie das alles zugegangen,
Erzähl' ich euch zur andern Zeit;
Dazu bin ich zu wütig heut.

Denn ha! steh' ich so an der Ecke
Und hör' von weitem das Geschnatter,
Seh' das Geflitter, das Geflatter,
Kehr' ich mich um
Und brumm',
Und renne rückwärts eine Strecke,
Und seh' mich um
Und brumm',
Und laufe wieder eine Strecke,
Und kehr doch endlich wieder um.

Dann fängt's auf einmal an zu rasen,
Ein mächt'ger Geist schnaubt aus der Nasen,
Es wildzt die innere Natur.
Was, du ein Tor, ein Häschen nur!
So ein Pipi! Eichhörnchen, Nuß zu knacken;
Ich sträube meinen borst'gen Nacken,
Zu dienen ungewöhnt.
Ein jedes aufgestutzte Bäumchen höhnt
Mich an! Ich flieh vom Bowlinggreen,
Vom niedlich glatt gemähten Grase;
Der Buchsbaum zieht mir eine Nase,
Ich flieh ins dunkelste Gebüsche hin,
Durchs Gehege zu dringen,
Über die Planken zu springen!
Mir versagt Klettern und Sprung,
Ein Zauber bleit mich nieder,
Ein Zauber häkelt mich wider,
Ich arbeite mich ab, und bin ich matt genung,
Dann lieg' ich an gekünstelten Kaskaden
Und kau' und wein' und wälze halb mich tot,
Und ach! es hören meine Not
Nur porzellanene Oreaden.

Auf einmal! Ach, es dringt
Ein seliges Gefühl durch alle meine Glieder!
Sie ist's, die dort in ihrer Laube singt!
Ich höre die liebe, liebe Stimme wieder,
Die ganze Luft ist warm, ist blütevoll.
Ach, singt sie wohl, daß ich sie hören soll?
Ich dringe zu, tret alle Sträuche nieder,
Die Büsche fliehn, die Bäume weichen mir,
Und so - zu ihren Füßen liegt das Tier.

Sie sieht es an: "Ein Ungeheuer! doch drollig!
Für einen Bären zu mild,
Für einen Pudel zu wild,
So zottig, täpsig, knollig!"
Sie streicht ihm mit dem Füßchen übern Rücken;
Er denkt im Paradiese zu sein.
Wie ihn alle sieben Sinne jücken!
Und sie - sieht ganz gelassen drein.
Ich küß' ihre Schuhe, kau an den Sohlen,
So sittig, als ein Bär nur mag;
Ganz sachte heb ich mich und schwinge mich
verstohlen
Leis an ihr Knie - am günst'gen Tag
Läßt sie's geschehn und kraut mir um die Ohren
Und patscht mich mit mutwillig derbem Schlag;
Ich knurr', in Wonne neu geboren;
Dann fordert sie mit süßem, eitlem Spotte:
"Allons tout doux! eh la menotte!
Et faites serviteur
Comme un joli seigneur."
So treibt sie's fort mit Spiel und Lachen!
Es hofft der oft betrogne Tor;
Doch will er sich ein bißchen unnütz machen,
Hält sie ihn kurz als wie zuvor.

Doch hat sie auch ein Fläschchen Balsamfeuers,
Dem keiner Erde Honig gleicht,
Wovon sie wohl einmal, von Lieb' und Treu' erweicht,
Um die verlechzten Lippen ihres Ungeheuers
Ein Tröpfchen mit der Fingerspitze streicht
Und wieder flieht und mich mir überläßt,
Und ich dann, losgebunden, fest
Gebannt bin, immer nach ihr ziehe,
Sie suche, schaudre, wieder fliehe -
So läßt sie den zerstörten Armen gehn,
Ist seiner Lust, ist seinen Schmerzen still;
Ha! manchmal läßt sie mir die Tür' halb offen stehn,
Seitblickt mich spottend an, ob ich nicht fliehen will.

Und ich! - Götter, ist's in euren Händen,
Dieses dumpfe Zauberwerk zu enden,
Wie dank ich, wenn ihr mir die Freiheit schafft!
Doch sendet ihr mir keine Hülfe nieder -
Nicht ganz umsonst reck ich so meine Glieder:
Ich fühl's! Ich schwör's! Noch hab ich Kraft!

Freitag, 21. Juni 2013

Ein sicherer Hafen

Am ersten Mai ging es ja wieder los, im Hafen 2 http://www.rotari.de/1-0-Programm.html?show=categories und ich war auch aus Neugier dort. Wie jeder aber weiß, war der Mai gar nicht wonnig vom Wetter her und so war der letzte Sonntag ein viel schönerer Tag für das neue Gelände und fast wie Urlaub. Das fanden auch 6 (sechs in Worten) Frankfurter, genauer Bornheimer, die extra mit dem Rad gekommen waren, um den "neuen" Hafen zu bestaunen und mit denen ich mich dort getroffen habe.

Es ist interessant und schön zugleich, dass das neue Gelände und ebenso die Räumlichkeiten tatsächlich die Aura der früheren Örtlichkeit flussabwärts mitgenommen haben. Sowas gelingt ja fast nie. Aber alle meine Freundinnen aus Bornheim und deren Lebensabschnittsmänner, die den Hafen 2 vorher kannten, fanden: Das Experiment ist gelungen. Natürlich, es muss noch etwas grüner werden und weniger baustellenmäßig. Aber insgesamt kann man dort schon sehr angenehm einen Sommersonntag verbringen.


Am Eingang des Geländes macht das künstlerische Holzgerüst auf der Wiese gleich mal klar, dass das hier ein Ort von OFF-Kunst/Kultur/Kaffee ist - erinnert mich an die Einrichtung der Pop-up Restaurant von Tobias Rehberger auf der anderen Mainseite. Danach fällt der Blick auf den Eingang des Cafés bzw. der Halle. Der Komplex mit der luftigen Glaswand lässt Assoziationen zu Werkshallen aufkommen und knüpft so an die alten Gebäude des Lokschuppens an, ohne jedoch etwas nachzuahmen. Für die Verbindung sorgen außerdem die beiden Zirkuswagen und die Bestuhlung des alten Hafencafés.



















Tolle Neuerung in der Bewirtung ist superleckeres Bio-Eis von Das Eis. Ich probierte einen Traum von fruchtigem Himbeere-Sorbet (Himmlisch Himbeer)http://www.daseis.eu/articles.php?wid=3&news=6. Tja und der Espresso ist wieder unerreicht gut. Das liegt wohl auch an der tollen Maschine, für die der Betreiber wie ich hörte, ein Faible hat. Das Ende vom Lied war, dass wir stundenlang auf den Biergarnituren in der Sonne verharrten bei Rhabarberschorle, Kaffee, Eis, Pommer Frites...Rhabarberschorle, Kaffee, Eis, Pommes Frites...und uns köstlich amüsierten beim Blick auf das Publikum des nahen Kinka-Beach.





Und das beste ist: Der neue Hafen 2 liegt in der direkten Achse zu meiner Wohnung, einfach immer geradeaus.


















Montag, 10. Juni 2013

Wiener Lebensart in Offenbach

Ein Wiener hat in Offenbach Einzug gehalten. Kein gebürtiger zwar, aber einer der zu Offenbach passt. Der Betreiber des "Rosmarin" im Kleinen Biergrund Nummer 11 hat ägyptische Wurzeln. Als Wahl-Wienerin war ich da natürlich neugierig drauf...und muss nach dem ersten Besuch sagen: So eine klitzekleine kleine Wien-Sehnsucht kann man dort stillen.

Das fängt schon bei der freundlichen Verbindlichkeit des Wirtes an, der einen an der Tür empfängt. Die Einrichtung mit braungemusterten Tapeten und goldgerahmtem Spiegel und zwei Bilder rechts und links der Theke - eins vom Interieur des bekannten Café Ritter und das andere ein alter Wiener Stadtplan - machen das Eintauchen in eine wienerische Empfindung leicht. Musik von Mozart tut das Übrige. Eigentlich ist das Rosmarin ein klitzekleines Kaffeehaus im klassischen Sinn, mit allem, was es dort auch gibt vom Wiener Schnitzel bis zur Sachertorte. 

Ich wähle einen Ruccola-Salat mit gebratenen Rindfleischstreifen. Das kommt schnell und ist sehr schön angerichtet auf dem großen rechteckigen Teller. Der Ruccola ist mundgerecht gekürzt, das Dressing ist leicht und lecker, das Fleisch zart. Die freundliche Bedienung und der Wirt fragen immer mal nach und sind neugierig, ob es mir schmeckt. Das ist vielleicht etwas bemüht, aber noch charmant. Nachdem ich fertig bin und einen Espresso bestelle (das nächste Mal probiere ich den Mocca) erhalte ich unaufgefordert eine kleine Portion Kaiserschmarren mit selbst gemachtem Pflaumenmus zum Dessert - die ich widerspruchslos und trotz Glutenunverträglichkeit genüsslich verzehre. Der Espresso ist auch top, schön stark und keine säuerliche Note. 

Während ich das zu mir nehme, frage ich mich, ob der ägyptische Wirt "sein" Wien, wo er wohl lange gelebt und seine Ausbildung gemacht hat, vermisst? Vielleicht pflegt er sein eigenes Heimweh mit diesem kleinen Lokal? Es muss wohl so sein, denke ich mit Blick auf knallgelbe Sonnenschirme und den Ein-Euro-Laden gegenüber. Aber er scheint schon GesinnungsgenossInnen gefunden zu haben, in unserer Stadt - das Lokal ist gut besucht und ich werde beim nächsten Mal Fotos machen.

Samstag, 1. Juni 2013

Nel cielo delle dolci

In den Räumen der früheren Bäckerei Zwick, Bleichstraße Ecke Karlstraße residiert seit einigen Jahren eine waschechte italienische Pasticceria. In dieser italienische Ecke des Mathildenviertels unterhalb der Marienkirche gehört sowas einfach dazu - und fand deshalb in "Offenbach zu Fuß" bereits lobende Erwähnung. Doch kaum sind ein paar Monate vergangen, gibt es schon wieder Neues zu berichten: Der schöne Sternenhimmel, ein Relief oben am Jugendstilputzbau, ist leider der Restaurierung des Hauses zum Opfer gefallen. Jedenfalls ist davon nichts mehr zu sehen. Schade. Etwas weiter unten im Inneren der ehemaligen Bäckerei ist es nach der Renovierung wahrhaft himmlisch geworden.


























Die Pasticceria lädt im neuen Ambiente zum Verweilen ein und ist kein bisschen finster mehr. Es ist ein sehr nettes kleines Café entstanden, in typisch süditalienischer Manier mit bisschen Stuck und Rokoko - aber gemütlich. Man kann sich nun mit ein paar himmlischen kleinen Süßigkeiten an einen der Tische setzen, einen wunderbaren Espresso trinken und einen sehr original-italienischen Augenblick erleben. Und manchmal dauert der Augenblick auch etwas länger - bis so ein ein kleines Kapitel fertig geschrieben ist beispielsweise.

Gestern aß ich mal keine Cannoli, sondern Mini-Obsttörtchen mit Erdbeeren und Pfirsich. Darunter verbarg sich eine himmlisch leichte Creme, einmal in rosa, einmal in weiß. Superfrisch und mit sehr viel Liebe gemacht. Unnötig zu sagen, dass er Espresso höchsten Ansprüchen genügt. Beim nächsten Mal werde ich mal keine Dolci essen, sondern die Arancini probieren, sizilianische Reisbällchen, die meist mit Hackfleisch und Erbsen gefüllt sind. Die konische Form weist eigentlich auf die Provinz Ragusa hin. Dazu würde wiederum auch  die barocke Einrichtung des Cafés passen. Eins steht fest: Die Pasticceria "Il Pasticcino" hat das Zeug zu einem kleinen Kultort und Treffpunkt für Italiener und Wahlitaliener.

Freitag, 31. Mai 2013

Bilder aus der Backstube

Diese Woche habe ich meine Schritte nochmals Richtung Peters' Bakery und Friedrichstraße gelenkt, wo am 22.5. die Buchpräsentation meines Stadtführers "Offenbach zu Fuß" stattfand. Dort befanden sich noch ein paar kleine Hinterlassenschaften von mir, ein Paar Schuhe, ein Tuch, ein paar Flaschen Wein. Und als ich wieder über den hübschen Mosaiksteinboden lief und mir der Hausherr Michael Peters die Tür öffnete, fand ich, dass ich doch einmal ein paar Worte über diese Privatgalerie verlieren müsste, die nicht im Buch stehen, da es im betreffenden Kapitel um das Thema Essen und nicht um Kunst geht.



Also Peters' Bakery http://www.peters-bakery.de/ ist ein hübscher kleiner Kunstort im Herzen der alten Straßen um den Wilhelmsplatz herum. Michael Peters hat sich in die Räume samt Backstube auf den ersten Blick verliebt und diese vor ein paar Jahren angemietet. Dort bewahrt er seine verschiedenen Sammlungen, teils skurriler Dinge, wie alte Koffer, die allesamt eine interessante Lebensgeschichte erzählen könnten oder kleine Kästchen, die bis zur Decke gestapelt schön in Szene gesetzt sind. Dort baut er eigene Möbel oder Lampen wie die aus Strandgut über dem großen Tisch.

Daneben gibt es hier laufende Ausstellungen zeitgenössischer befreundeter Künstler. Diese machten allerdings gleich zu Anfang die Auflage: Wir stellen hier nur aus, wenn Du auch was machst. Also fing Michael Peters an. Als leidenschaftlicher Fotograf hatte er zunächst die Idee seine Fotografien auszustellen, doch das wollten die anderen Künstler nicht gelten lassen. Und so wagte er sich mit Buntstiften an eine erste leere kleine Leinwand. Oder vielleicht besser an eine mit Kreide vorbehandelte hölzerne Bildfläche. Inspirationsquelle für die handlichen Kunstwerke in duftigen Farben, wie man sie sich an einem lauen Sommerabend träumt, waren seine Fotos.

Die Motive für die gegenwärtige Ausstellung sind aber nicht eben idyllisch, sondern eher bunt und realistisch - aber durchaus gut gelaunt. In Szene gesetzt wird, was man sonst eben nicht gerade den Vordergrund würde: Baulücken, bizarre Häuserreihen und Hinterhöfe. In diesen Architekturstudien unterschiedlichster Stile, wie man sie oft in Großstädten dicht nebeneinander hat, erkennt man den Design-Spezialisten, der sich für die Form der Dinge begeistern kann. 



Im Herzen der linken Bilderwand (oben) hängt ein Offenbacher Hinterhof, nämlich Michael Peters' Blick aus der Backstube in das Hintendran der Friedrichstraße 16 und im Herzen der rechten Bilderwand (unten) klaffen nun zwei Lücken. Die beiden Ansichten hat gerade eine Offenbacherin gekauft, als ich reinkam. 



Bei der Ansicht des Hinterhofs Friedrichstraße bin ich schwer in Versuchung...schließlich verbinde ich mit dem Ausblick aus dieser Backstube ein kleines Ereignis...und es würde sich an der leeren Wand in meinem Büro sehr gut machen.


Dienstag, 28. Mai 2013

Ein Stück vom echten Frankfurt

Nach vielen, vielen Jahren war ich am Samstag Abend im Frankfurter Volkstheater - zum letzten Mal. Gegeben wurde "La cage aux folles" - "Ein Käfig voller Narren". Unnötig zu sagen, dass da am Samstag Abend viel Prominenz und Presse einer Institution den Abschied gaben. Und vielleicht auch unnötig zu sagen, dass viele sehr traurig waren und immer noch Unverständnis herrschte darüber, dass es für das Volkstheater keinen anderen Weg gab. 

Aber, was wirklich mal gesagt werden muss: Das Stück war toll inszeniert und großartig dargeboten. Die Choreographie, wie da die sechs "Cagelles", zu einem guten Teil Männer in Frauenkleidern, in Pelzen und in verruchten Dessous, immer von neuem über die Bühne fegten und ihren wilden letzten Reigen tanzten, war gekonnt und witzig zugleich, was man nicht immer sagen kann. Und die Schlager mit den Texten, wie beispielsweise das Liebeslied vom eisernen Steg "Ich bin jung und verliebt" waren sehr herzig ins Frankfurter Lokalkolorit adaptiert und dabei doch spritzig (wenn man das als Offenbacherin einmal sagen darf). Schließlich habe ich jahrelang meine Mittagspausen im Hirschgraben zugebracht. http://www.youtube.com/watch?v=5_yhWsM8x9U




Ganz zu schweigen natürlich von Beppie La Belle, der mit den schönsten Spitzen aufwartete, à la "...die Trepp' nemme mer mit. Solle die Annern doch sehe wie se nuf komme." Ich kann es gar nicht anders sagen, es war ganz große Klasse! Und einiges bekam an diesem Abend eine ganz besondere Dramatik. Aber bei all dem beschleicht mich doch die Ahnung, dass dieser letzte Erfolg vielleicht und nicht umsonst auch der größte war. 

Denn viele Jahre spielte das Volkstheater so etwas im Verborgenen dahin für eine relativ kleine ältere Zielgruppe. Und sehr selten war ein Titel dabei, bei dem ich wirklich Lust bekommen hätte, hinzugehen. Ja, es stimmt: Da geht nun ein Stück vom echten Frankfurt verloren. Vor allem aber auch, weil das Volkstheater eine Vergnügung mitten in der City für ganz normale Leute bot, abseits von Glamour und Schicki-Micki. 

Mundart soll allerdings weiter eine Bühne haben, in Beppies "Theatrallala" - und ganz sicher kann man dort einen lustigen, frech-bissigen Abend verleben - was ich bald mal einplanen werde.http://www.theatrallalla.de/stuecke-shows/


Montag, 27. Mai 2013

Ein Buch lernt laufen

Nun ist es soweit. Der Stadtführer "Offenbach zu Fuß" hat seine Feuertaufe überstanden und muss nun selbst wandern, seine Wege in der Stadt finden. Es kommt einem schon ein bisschen so vor, als habe man ein Kind, das gerade ausgezogen sei. Man weiß nicht, was das Kleine jetzt so da draußen treibt, wem es gerade in die Hände fällt, wer es aufblättert. Das ist schon sehr spannend.



Spannend war auch die Buchpräsentation am Mittwoch Abend in Peters' Bakery. Natürlich auch wegen der kleinen Widrigkeiten, die mal wieder kurz vor Schluss passierten, wie das eben so ist. Zunächst hatten wir nämlich keine Stühle. Diese sind nämlich eine Leihgabe und standen für die Veranstaltung urplötzlich nicht zur Verfügung. Ich hatte die Idee, Bierbänke auszuleihen beim Getränkemarkt. Tja...wie aber die meisten wissen: Die Autorin von "Offenbach zu Fuß"...at gar keine Auto. Wie gut, dass eine meiner liebsten Gästinnen für den Abend einen großen BMW-Kombi hat. So kamen also die Bierbänke rechtzeitig in die Bakery. 

Den Beamer durfte ich Gott sei Dank vom Hausherrn leihen und so stand einer schönen Präsentation nichts mehr im Wege. Schon kurz nach der Mittagszeit war ich in der Backstube, in der die Präsentation laufen sollte und in der ich mich sehr wohl fühle. Das kommt vielleicht daher, weil ich in meiner Kindheit viel Zeit in der Backstube meiner Großtante in Rumpenheim verbracht habe. Dort stahlen wir heimlich Butterstreusel oder Marzipan-Rohmasse.

Nun also Peters' Bakery als Taufkapelle für mein Buch. Es war sehr aufregend, die eigenen Fotos und Textzeilen da an der Wand in Groß zu sehen, zu wissen, dass die Leute das heute Abend alle sehen würden. Sie würden lange auf diese Bilder sehen und irgendetwas denken, während ich las. Vielleicht würden sie sich an kleine Erlebnisse erinnern, die sie mit dem jeweiligen Ort verbinden. Und diejenigen, die nicht aus Offenbach sind, würden sich vielleicht vornehmen einmal zu kommen oder durch ihre eigenen Stadtviertel mit offeneren Augen zu gehen.

Und plötzlich war es halb sieben und die Gäste kamen. Ich wusste gar nicht, wo ich zuerst sein sollte, am Eingang, um sie in Empfang zu nehmen oder auf meinem Leseplatz im Saal, um würdig auszusehen. Meine Freude wirkte wohl ansteckend, denn alle waren ganz aufgekratzt und gespannt. Ein tolles Publikum hatte sich dann bis neunzehn Uhr versammelt. 

Nach schönen und freundlichen Worten über mich und mein Buch kamen meine eigenen Worte. Sie prasselten ins Publikum, kamen mir selbst fremd vor, aber immer noch richtig. Und das fanden offenbar auch die Zuhörenden. Es wurde immer schöner zu lesen und ab und zu einen Blick in die Mienen zu werfen, die schmunzelten oder erstaunte Augen machten - und irgendwie auch ein wenig stolz aussahen. Stolz auf ihre Stadt, die sie da so mit anderen Augen sahen.

Ich bin nun sehr gespannt, wie es meinem Kleinen weiter ergeht und ich hoffe, andere auch. http://www.amazon.de/Offenbach-Fuß-schönsten-Sehenswürdigkeiten-entdecken/dp/3955420167/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1370005600&sr=8-1&keywords=offenbach+zu+fuß



Dienstag, 14. Mai 2013

Im kleinen Kaiserbad Bansin

Morgens ist es wunderschön. Nur deshalb habe ich es geschafft, mein schönes Hotelzimmer im 3. Stock des kleinen Hotels Germania in Bansin zu verlassen http://www.germania-bansin.de/. Das Wasser trägt kleine Venusmuscheln an den Strand und die Möven holen sie sich zum Frühstück. In der Ferne winkt die Seebrücke von Heringsdorf und die aufgehende Sonne glänzt im Wasser. 



Ich laufe und versuche, diese frische Luft in meine Lungen zu bekommen, möglichst viel davon. Wie ein Streicheln weht ein warmes Lüftchen über meine Haut. Die Sonne wird wärmer und hat Kraft. Hier vergehen Ängste und Nöte, stürzen ins Meer, auf Nimmerwiedersehen. 

Ich habe gelesen über Hans Werner Richter, der hier geboren ist und später der deutschen Nachkriegsliteratur auf die Beine half, mit der Gruppe 47. Es gibt von ihm einen Erzählband "Bansiner Geschichten". Den wollte ich mir noch besorgen. http://www.bansin-info.de/hans-werner-richter-haus.htm

Ich stelle mir vor, öfters hierher zu kommen und dann in einer Villa ein Buch fertig zu schreiben. Dazu müsste ich erstmal einen neuen Anfang machen - mit etwas. Und ich habe da auch schon so eine Idee...






Donnerstag, 18. April 2013

Mit Kracauer in die Zwanziger beamen

Im Moment kann man sich in Frankfurt sehr schön in die zwanziger Jahre zurückversetzen. Dazu lädt auch Journal Frankfurt http://tinyurl.com/c84wquv mit dem aktuellen Heft ein. Eine Möglichkeit bietet die aktuelle Literaturaktion Frankfurt liest ein Buch http://www.frankfurt-liest-ein-buch.de/2013/. Am Dienstag hatte ich das Glück, durch eine Freundin noch eine Karte zu einer Soiree in der Oper zu bekommen und besuchte mit ihr und deren Schwester die Veranstaltung "Über Dandys, Bohemiens und Kurtisanen". Ich habe Kracauer entdeckt, als ich mich während des Studiums mit der deutschsprachigen Exilliteratur beschäftigt habe. Als Redakteur der Frankfurter Zeitung war er ein Freund von Joseph Roth und sie trafen sich später, nach 1933, in Paris wieder. Ich fragte mich, was Kracauer mit der Musik Jacques Offenbachs zu tun hatte, die Bestandteil des Abendprogramms war und freute mich über diese Möglichkeit, nochmal ein paar Entdeckungen in Kracauers Werk zu machen. 

Kracauer hat in seinem Pariser Exil eine Biographie über den Wegbereiter der Operette (einem leider immer noch oft verachteten Genre) geschrieben - und daraus wurden nun Auszüge dargeboten, die wahrlich köstlich und süffig wie Champagner, gelesen von Margit Neubauer (Oper Frankfurt) ins Publikum perlten. Dazu sangen vier junge Sängerinnen und Sänger aus dem Opernstudio sehr schöne und witzige Couplets und Arien. Durch den Text und die lebendig vorgetragene Musik bekam man oder jedenfalls ich ein Bild der damaligen Pariser Gesellschaft. Messerscharf und witzig beschrieben die Texte von Kracauer die Halbwelt, den Bäderschick in Bad Ems und die Kurtisanen. Kracauer stellte sie mit einem Augenzwinkern als wirtschaftliches Gegengewicht zur Finanzwelt dar und ich muss die Passagen unbedingt noch einmal nachlesen. 

Nicht noch einmal hören kann ich leider die schönen Musikstücke, die von ganz tollen jungen Stimmen vorgetragen wurden. Da will man am liebsten mitmachen und ganz ganz jung sein. http://www.oper-frankfurt.de/de/page675.cfm Auf jeden Fall werde ich mir aber noch ein paar Veranstaltungen bis zum 28. April ansehen. Und hier als musikalisches Beispiel die Interpretation des "Briefs von Périchole" von einer französischen Sängerin, die ich auf youtube gefunden habe.http://www.youtube.com/watch?v=_kxLaV9e4UI oder das lustige Liedchen hier http://www.youtube.com/watch?v=PfN8GyYG7iI von einer anderen.

Montag, 15. April 2013

Verborgener Kunstschatz

In einem kleinen Kellerraum der Stadtbibliothek ruht, Jahre vergessen, ein Schatz von 600 Bildern - die  meisten von ihnen von Offenbacher Künstlern. Ich bin dort mit zwei Kollegen vom Offenbacher Kunstverein http://www.kunstverein-offenbach.de/, wo wir 40 Bilder für die Offenbacher Kunstansichten (26. bis 28.4.) aussuchen. Sie werden im neuen Kunstraum im Wohnbüro (alte IHK) gezeigt. 

Wir sehen uns die Fotos der Bilder auf dem Computer an, das ist einfacher, als alle Schubladen gleichzeitig zu öffnen. Es ist wie eine kleine Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts. Man finde schöne Radierungen in schwarz/weiß im Stil Spätromantik. Ein Kuppelraum von innen, schöne Schattenspiele. Es könnte sich um das Offenbacher Capitol handeln, vor Classic Lounge, vor der Reichskristallnacht. Eine fast unschuldige Fin-de-Siècle-Stimmung aus den Siebzigern.




Mir gefällt eine Lithographie mit einem Okapi in der Wüste voller Strommasten und einer Steckdose in der Luft. Man denkt an Magritte dabei. Es kommt hinein, in unseren Auswahlordner und dazu ein paar Landschaften, kolorierte Zeichnungen - eine geometrische mit Spargelfeld und Spalierobst im Vordergrund, eine andere, eher chaotisch, mit einem blassblauen See. Hier könnte ein Mord geschehen sein. 

Das nächste ist eine Serie von Schwarzweiß-Drucken mit dem schönen Titel "Glaub nicht Blödworten". Ziemlich provokant, die Darstellungen. Am besten, man sieht sich das in natura an. Danach konzentrieren wir uns stärker auf kräftige Farben, ein Aquarell mit Tomaten, ein klassisches Stilleben mit originellem Motiv und passt irgendwie zu Offenbach, wegen der Heidi auf dem Markt, mit ihren vielen bunten Tomaten. Und eine südliche Meereslandschaft, blau mit gelben Booten, so ein typisches Sehnsuchtsbild eines Deutschen. 





Es ist unglaublich, hier unten findet man fast alles und viele Bilder erinnern an die anderer Künstler, die man schon irgendwo einmal gesehen hat, aber diese hier sind von Künstlern gemalt, die durch diese Stadt gingen, wich ich.

Nachts kam es mir in den Sinn, wie großartig das wäre, eine Ausstellung zu realisieren, bei der all diese 600 Bilder gezeigt würden. Ob das Büsing-Palais wohl reichen würde? 


Zunächst werden also erstmal 40 weitere Bilder zu sehen sein im "Kunstraum im Wohnbüro" und ich werde Texte lesen, die irgendwie in den Rahmen passen. Am 27.4.





Montag, 1. April 2013

Ein Wohnzimmer in der Brückenstraße

Der Sonnen- und ein Gutschein für das Brückencafé führten mich an den Ostertagen nach Sachsenhausen in die Brückenstraße. Zunächst lief ich durch den Dreieichpark, besser gesagt, auf dem Seitenweg daran vorbei. Denn der Hauptweg wird saniert und tatsächlich komplett gesperrt. Mein armer Park und das mitten im Frühjahr. Wie freute ich mich, als ich doch am Parkausgang, in der Nähe des kleinen weißen Pavillons einen blauen Flecken sah. Trotz der österlichen Kühle sprießen ein paar Blümchen, kleine Blausterne von großer Leuchtkraft. 




Nach diesem Anblick stieg ich in die Nummer Sechzehn und fuhr nach Sachsenhausen, in die Textorstraße. Von dort sind es nur ein paar Schritte in die Brückenstraße. Das ist so eine kleine Großstadtstraße wie in Ostberlin. Und ich genieße es sehr, hier mal schnell herfahren zu können. Um mir ein wenig Appetit zu holen, stöberte ich links und rechts in den kleinen Boutiquen, probierte ein paar Kleider ein, sah elegant aus und dann wieder normal. Bei einem kleinen Laden auf der linken Seite, der Kleider von Goya-Goya http://www.goyagoya.com/anbietet, konnte ich mich nicht mehr zurückhalten: Es gab gleich drei Kleider, die wie gemacht für mich schienen. Eins schwarz, eins blau und eins elfenbeinfarben. Ich schwelgte in den schönen fließenden Stoffen und den unterschiedlichen Farben. Welches sollte ich nur nehmen? Schließlich brauche ich ja im Mai ein Kleid für die Jugendweihe meines Neffen. Ich entschied mich schließlich für das elfenbeinfarbene. Es trägt eine kleine Reihe winziger schwarzer Schleifen auf dem Rücken und ist ganz entzückend. Bis die Gürtelschlaufen versetzt sind, muss ich mich noch ein klein wenig gedulden. Dann kann ich es im Goya-Goya-Atelier, das sich in der Offenbacher Hassia-Fabrik befindet, abholen.





Nach den Anproben war ich bereit für den Besuch im Brückencafé. Ich betrat den sehr schönen grün gehaltenen Raum und wählte einen großen Ohrensessel an einem kleinen runden Tisch. Ich bestellte einen Espresso und ein Wasser und sah mir auf dem Buffett die Torten an. Eine trug eine große, weiße Baiserhaube und war ganz unwiderstehlich. Was soll's, irgendwann, wenn es etwas wärmer ist, werde ich mir dieses Stück wieder abtrainieren. Während des langsamen Verspeisens der Torte sah ich mich immer wieder um. So viele liebevolle Details, kleine weiße Säulen, die grüne Tapete und das leicht verwohnte, altmodische Mobiliar, französische Kaffeehausstühle. Das hatte das Zeug dazu, ein Stammcafé zu werden. Die Betreiber auch sehr freundlich. Man brachte mir eine Wolldecke, weil es an den Knien mit der Zeit etwas kalt wurde, während ich in meinen mitgebrachten alten Notizbüchern blätterte, auf der Suche nach bestimmten Passagen, die Kapitelteile eines neuen Buches werden sollen. 

Als ich schließlich ging, hatte ich nur die Hälfte meines Gutscheines verbraucht und also auf jeden Fall einen triftigen Grund, um nochmals herzukommen, am besten schon sehr bald.

Donnerstag, 21. März 2013

Im Reich der süßen Sünden

Dass die Wiener Kaffeehauskultur türkische Wurzeln hat, war mir ja schon irgendwie geläufig. Nach meinem wahrscheinlich folgenschweren Besuch in Istanbul hege ich die Vermutung, dass die ganzen süßen Köstlichkeiten, samt Sachertorte auf türkische Traditionen zurückgehen. Und das kam so: Schon kurz nach meiner Ankunft in der Wunderstadt, die Europa mit dem Orient verbindet, fielen mir diese unglaublichen Berge an Naschereien auf. Aber nicht nur Baklava wie man es inzwischen auch hier kennt und seine unzähligen Artverwandten - mit poetischen Namen wie Finger des Wesirs, Engelshaar oder Nachtigallennester. Neben dem Blätterteiggebäck sahen meine Äuglein noch jede Menge türkischen Honig beispielsweise in rot mit Granatapfel- oder Rosensirup und schließlich unglaublich prächtige Torten aus verschiedenfarbigen Buttercremes. 


Zunächst betrachteten ich und mein Begleiter all dieses Zuckerzeug noch ungläubig. Nach dem sehr schönen, aber auch energieraubenden Besuch des Topkapi-Palastes war es dann soweit. Inzwischen hatte ich es mir zur lieben Gewohnheit gemacht, mittags einen türkischen Mokka nebst 2 Baklavas zu bestellen. Und so fiel mir auf unserem Weg ein Schaufenster auf, in dem besonders schöne Exemplare davon aufgeschichtet waren, auf. Wir begaben uns also ein paar Stufen hinunter, in das süße Reich - und wurden belohnt. Denn, wie wir schnell mitbekamen, waren wir ganz zufällig in der ziemlich bekannten und ehrwürdigen Confiserie Hafiz Mustafa http://www.hafizmustafa.com/gelandet. Um überhaupt in die eigentlichen und sehr schönen Räume des Cafés zu gelangen, muss man an all diesen teuflischen Verführungen vorbei - und das kann natürlich nicht folgenlos bleiben. 

Als Speisekarte dient ein etwa hundertseitiger Katalog mit schönen Abbildungen - und schwupps hatte ich ein paar Baklava in pistaziengrün vor mir stehen. Meinen Begleiter überredete ich zu einer Profitérol-Torte. Beides war sehr köstlich und wir mussten einige Genuss-Pausen einlegen, die das Café aber auch verdient. Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie man einen regnerischen Nachmittag in dieser Umgebung verbringen kann, die orientalische Tradition und westliche Moderne auch in der Einrichtung, die hier viel zu kurz kommen muss, aufs Angenehmste miteinander verbindet.




Nun ich denke, die Bilder sagen alles und das Abendessen musste an diesem Tag ausfallen. 



Dienstag, 5. März 2013

Ein goldener Hahn und frische Canoli

Dieses Blau hatte es geschafft, dass ich von meinem Weg abwich, von meinem üblichen Weg durch die Marien- und Kaiserstraße. Das Blau schimmerte unter der Bahnunterführung durch und ließ das graue Gemäuer strahlen. Warum nicht mal durchs Westend morgens streifen, dachte ich mir. Mal sehen, wie weit die Magnolien sind. Die Tulpenhofstraße hinunter Richtung Geleitsstraße. Wie prächtig die verschnörkelten Dachgesimse leuchteten! Und da, was war das auf dem Turm der Friedenskirche? Eine goldene Figur schimmerte mir da entgegen, die ich noch nie so recht wahrgenommen hatte. Tatsächlich ein Hahn. Aber nicht so ein normaler. Ein schöner Jugendstilhahn mit elegant geschwungenem Federschweif. 




Der zweigeschossige Bau der Friedenskirche wurde 1911 von dem Darmstädter Baumeister Professor Friedrich Pützer entworfen und fügt sich besonders schön in die Villen-Wohnumgebung im Offenbacher Westend ein. 1943 schwer beschädigt wurde sie erst 1952 unter der Leitung der Architekten Collin und Reichard wieder aufgebaut. Heute ist sie der harmonische Mittelpunkt des Westends und mein Richtungsweiser auf dem Weg hinunter in die Stadt. 

Ich ließ den goldglitzernden Hahn hinter mir und lief die Geleitsstraße hinunter, vorbei an schönen Häusern und einer Zweigstelle der HfG in einem roten Klinkerbau. Da erspähte ich hinter einem Zaun noch so ein Relikt aus vergangenen Tagen. Ein dreiteiliges Schild der "Kaiser Friedrich Quelle". Jemand hat es da im Hof aufgestellt. Eigentlich gehört es ins "Haus der Stadtgeschichte".



An der Ecke Luisenstraße fiel mir die kleine Pasticceria neben dem Kolpinghaus ein. http://pasticceria-orchidea.de/ Die war auf jeden Fall noch einen Abstecher wert. Und tatsächlich, sie hatte schon geöffnet. Einige Männer tranken Espresso und am laufenden Meter wurden kleine gebackene Kunstwerke aus der Küche zur Glastheke gebracht. Also wirklich, das ist gemein, mitten in der Fastenzeit! 


Ich musste so ein offenbacherisch-sizilianisches Canoli versuchen - und einen Espresso Lungho dazu. Der Umweg hat sich gelohnt - und glücklicherweise gibt es hier einen Schnell-Durchschlupf zu meinem Büro.