Mittwoch, 5. Oktober 2011

Schreibmobil




Beim Schreiben war es mir schon früh ein besonderes Anliegen, mobil zu sein. Genauer gesagt, in jedem Zimmer an verschiedenen Plätzen schreiben zu können. Im Wohnzimmer, wo ich Kerzen habe im Winter und wo ich auf dem Sofa sitzend, umgeben von irgendeiner Lieblingsmusik, die Gedanken schweifen lassen kann. Oder im Sommer mit einem Stuhl und einem kleinen Tischchen im Grünen zwischen den Vögeln. Oder nachts, wenn im Haus alle schlafen, völlig lautlos in der Küche zu sitzen und Lichtwörter in die Tastatur klicken.

Diese Mobilität, die mir eine gewisse Freiheit bezüglich Raum und Zeit geben würde, betrachtete ich vor rund zehn Jahren sogar als „Voraussetzung“ zum Schreiben. Damals war man noch weit davon entfernt, den Computer überall mit hinnehmen zu können. 

Die elektrische Schreibmaschine bot in jener Hinsicht das Höchste der Gefühle. Vorausgesetzt, man hatte keinen Dinosaurier als Gerät, so wie ich. Die alte Triumph-Adler war ein Modell aus der Pionierzeit der elektrischen Schreibmaschine. Sie kam mir vor, wie eine alte behäbige Dame, die sich über die Jahre fettgefressen hatte und die deshalb nicht mehr richtig von der Stelle kam. Sie war, im Gegensatz zu den vielen modernen Geräten heute, buchstäblich nicht tragbar, das heißt, ich konnte sie nicht allein heben.
Eine weitere Schwäche der alten Dame war, dass ihre Typen ein wenig steif waren, wenn sie länger unter ihrer grauen Kunstlederkappe geruht hatte. Die kleinen Metallhebel mit den Buchstaben darauf waren dann schwergängig und schlugen am Anfang einer Schreibstunde nur schwach auf das schwarze Farbband. Die Buchstaben waren hell, besonders auf der rechten Seite, wo das o und das p sitzen.


Es war im Winter 1990. Ich hatte das Gerät bereits aufgegeben und irgendwo abgestellt, wo es nicht im Weg war, als ich zu dem Schluss kam, dass mir zum Schreiben vor allem wichtige äußerliche Voraussetzungen fehlten.

Es ist November. Während ich schreibe, ist es draußen völlig dunkel geworden. Es regnet und ist sehr windig. Der richtige Abend, um in der warmen Wohnung zu sitzen und zu schreiben. Ich habe das alte Fossil wieder angeworfen, weil ich glaube, dass es mich inspiriert. Vorher gibt es allerdings, wie man sieht, ein paar der üblichen Schwierigkeiten. Ich muss erst eine Verlängerungsschnur holen, um das Monstrum anzuschließen. Dann kommt wieder das Platzproblem. Auf dem Boden kann ich schlecht schreiben, außerdem ist die Maschine so schwer, dass ich sie nur mit großer Mühe von einem Zimmer ins andere schleppen kann. Sie steht jetzt auf dem alten Nähmaschinentisch, der hat sogar Rollen und so kann ich sie hinschieben, wo ich gerade schreiben will. Das ist toll. Ich habe sie jetzt ins Wohnzimmer gekarrt und sitze auf einem Sessel mit dem Fenster im Rücken. So ist es sehr angenehm.

Als endlich das vertraute Brummen ertönt und ich loslegen will, hängt das Farbband und kein Buchstabe wird gedruckt. Jetzt habe ich die kleine Unwilligkeit behoben und muss noch die schwergängigen Buchstaben einschreiben. Während ich schreibe, wackelt alles ein wenig hin und her, besonders bei der Zeilenschaltung. Meine Zigarette droht vom Aschenbecher zu fallen und in meinem Weinglas schwappt es bedrohlich.

In der Autobiographie von Arthur Miller gibt es ein Kapitel, in dem er über die Schwierigkeiten beim Schreiben berichtet und in dem er beschreibt, wie er sich erst eine eigene kleine Holzhütte bauen musste, um irgendwo schreiben zu können. Ich fand es sehr tröstlich, dass es einem großen Schriftsteller wie ihm große Schwierigkeiten bereitet hat, die geeigneten Örtlichkeiten und Gelegenheiten zum Schreiben zu finden.

Es kann tatsächlich sehr hemmen, wenn das Drumherum nicht stimmt. Ich kann in der Straßenbahn schreiben und im Café. Zu Hause fällt es mir eher schwer, weil es da immer hundert andere Sachen gibt, die ich vorher zu tun habe. Aber ich will jetzt einfach, dass das Schreiben einen festen Platz in meinem Leben bekommt. Beim Lesen kommen mir oft gute Ideen und ich finde es schade, sie einfach wieder zu vergessen, wenn ich das Buch zurück ins Regal stelle. Ich möchte so gern über Dinge schreiben, die viele Menschen betreffen, die normal und alltäglich und dennoch die Dinge sind, die wir am wenigsten verstehen, am wenigsten akzeptieren. Fragen, die immer mehr werden, solange das Leben dauert. Zum Beispiel, die eigene Vergänglichkeit begreifen. Wie Scott Fitzgerald sagt: „Of course all life is a process of breaking down, ...“ Auch, wenn ich es weniger hart formulieren möchte, führt das Leben unweigerlich zum Tode und damit zur Unbedeutsamkeit des Selbst, des Ich.

Wie soll die Geschichte also jetzt beginnen? Mit einem Dialog oder sollte ich zuerst die Hauptperson beschreiben? Oder soll ich etwa mit den Nebenpersonen beginnen? Schwer zu lösende Probleme. Dennoch sollten sie mich nicht daran hindern, einen Anfang zu machen. Einen Anfang, der schon lange überfällig ist. Meine Unzufriedenheit wächst mit jedem Tag, an dem ich wieder nichts Eigenes geschrieben habe und nur lese und lese.

Das alte Schreibmobil inspirierte mich vor Jahren, es muss wohl 1989 gewesen sein, zu einem 50 bis 60-seitigen Romananfang, den ich wenig später verworfen habe, weil mir die Gedanken darin, die Entwicklung der Protagonistin inzwischen antiquiert vorkam oder gar spießig. Mein Leben entwickelte sich anders. Auch bemerkte ich, dass es mir nach zwei bis drei Kurzgeschichten und Erzählungen noch sehr schwer fiel, eine längere Handlung zu entwickeln. Jetzt erst, nach vielen Jahren arbeite ich an einem umfangreichen Text, der inzwischen 130 Seiten umfasst. Im Grunde setzt er sich aus Einzelerzählungen wie Mosaiksteinchen zu einem Großen zusammen. Diese Art der Entstehung längerer Texte ist vielleicht sogar sehr häufig, aber dass es funktioniert, ist mir erst viel später aufgegangen. Die Arbeit an kleineren Texten, die man dann zusammenfügt, verschafft dem Schreibenden eine ähnlich große innere Mobilität der Gedanken wie die Schreibmaschine auf dem Rollentisch äußerliche Beweglichkeit gewährt.

Heute muss ich keine großen Vorkehrungen mehr treffen und auch die Typen nicht mehr einschreiben. Ich kann einfach mein funkelnagelneues Laptop aufklappen und loslegen. Es gibt also wirklich keine Ausrede mehr – außer, das Hirn macht nicht mit, was meist der schwerwiegendste Hinderungsgrund ist. Und da war ich natürlich mit meinem Fossil im Vorteil: Gleichzeitig mit der Mechanik konnte ich mein Hirn aufwärmen.

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