Mittwoch, 4. Januar 2012

Vom Klang der Worte

Vor kurzem wurde ich in Bezug auf einen Text, den ich überarbeitet habe, gefragt, was den überhaupt der Unterschied sei, zwischen einem Preisausschreiben und einem Gewinnspiel. Ich hatte nämlich das erste mit dem zweiten Wort im Text ersetzt. Nun, es gibt tatsächlich einen rechtlichen, also faktischen, Unterschied zwischen den beiden Spielarten - aber auf diesen kam es bei dem von mir bearbeiteten Text zunächst nicht an. Vielmehr kam es auf einen Unterschied an, der in Klangfarbe und der Konnotation des Wortes liegt.

Das Wort Gewinnspiel klingt fröhlich und verspielt, nach Kurzweil und heiterer Aktivität - und darauf kam es bei dem Text an, denn er war für eine Institution geschrieben, die sich moderner und zeitgemäßer verstanden wissen werden möchte. Das Wort Preisausschreiben dagegen klingt irgendwie nach 60er Jahre, Wirtschaftswunder und Kohlmief in den Aufzügen damals moderner Sozialbauten. Vielleicht ist das ungerecht dem Wort gegenüber, aber ich muss dabei an meine Oma denken, die ständig mit Kreuzworträtseln bei solchen Preisausschreiben mitmachte und nie gewann.

Das kleine Beispiel zeigt jedoch, dass es in einem Text nicht ausschließlich auf den richtigen Inhalt ankommt, der selbstverständlich gegeben sein sollte. Ein guter Text lebt außerdem von guten Worten und von deren Klang und Rhythmus. Es sind dies übrigens Worte, die in jedem Kontext passen, ob es sich dabei nun um eine Präsentation oder um eine Kurzgeschichte handelt.

In den meisten Branchen schleicht sich aber ein bestimmter Jargon ein, der auch bestimmte Worte oder Formulierungen im Munde führt. Das hat uns schon Loriot in zahlreichen Sketchen vorgeführt. Bei Kommunikationsfachleuten und Unternehmensberatern sind es heute häufig englische Worte, die dann entweder in ihrer Originalsprache oder grässlich verdeutscht in die Texte eingeflochten werden. Auf branchenfremde Leser wirken diese Texte, in denen es von Casestudies, Performance und Profit wimmelt zu Teilen unverständlich und überheblich. Als Schreibender sollte man sich immer fragen, was man eigentlich sagen möchte und was die verwendeten Worte wirklich bedeuten. Oft merkt man dann, dass eigenes Wissen fehlt - und einem Text tut es immer gut, wenn er klar ist. Klarheit klingt meist auch gut.

Oft wirken Texte, in denen Jargon verwendet wird, seltsam hölzern oder sperrig - und sie lassen sich meist der Welt zuordnen, in der sie geschrieben wurden. Diesen Umstand machte sich Kafka besonders wirkungsvoll zunutze. Wenn er nämlich in seinem Roman "Der Proceß" die aberwitzigen Verschlingungen der Bürokratie beschreibt, verwendet er bewusst Worte, die in diese Umgebung passen und erzeugt damit die berühmte kafkaeske Wirkung. Und dabei hat jeder schon einmal davon gelesen oder gehört, wie besonders Kafka nach dem richtigen Wort oft nächtelang gesucht hat.



Auch geschäftlichen Texten würde es gut tun und nutzen, wenn die verwendeten Worte sorgsam auswählt und hinterfragt würden. Dann müssten wir uns alle weniger mit nichtssagenden Webseiten oder Unternehmensbroschüren langweilen - und die Inhalte kämen beim Publikum an. Und das ist es schließlich, was alle Texte wollen.

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