Samstag, 16. Juni 2012

In einem kleinen Café in Offenbach

Ich sitze in einem nagelneuen kleinen Kaffeehaus am Wilhelmsplatz, genauer gesagt, Ecke Bleichstraße und mache letzte Korrekturen in meinem Roman. Noch bin ich allein hier, noch ist man dabei, Schilder anzubringen. Der Eingangsbereich hat mich mit seiner einladenden Tortentheke förmlich in den Gastraum gezogen, der modern und doch gemütlich ist - und sowas braucht man in diesem monsunigen Sommer. Die Einrichtung ist angenehm schlicht, schmückt sich aber hier und dort mit kleinen Anklängen an die traditionelle Kaffeehauskultur. Links an der Wand locken kleine samtige Ohrenpolstersofas, auf denen ich mich niedergelassen habe. Erwartungsvoll blicke ich mich um und entecke die hübschen Lampen, die aus einem Bündel kleiner bunter Lampenschirmchen geflochten sind. Die Inhaberin, die doch tatsächlich direkt vom Frankfurter Römerberg (wo ihr Gatte das Restaurant Alt Limpurg betreibt) auf den Wilhelmsplatz gekommen ist, hat liebevoll ausgewählt und spannt hier einen schönen Bogen zwischen Tradition und Moderne.  

Ich studiere die Karte und kann mich nur schwer zwischen süß oder salzig entscheiden. Weil ich ein wenig hungrig bin, wähle ich eine Quiche Lorraine mit Salat, dazu grünen Tee. Die Quiche ist frisch gebacken vom Hausherr und buttrig wohlschmeckend, auch der Salat ist marktfrisch und schön bunt. Wohlgenehährt versenke ich mich in meinen Text und bestelle noch einen Espresso. 

Draußen hält der warme Regen unvermindert an und treibt weitere Gäste herein. Zuerst kommen einen paar Damen in meinem Altern, scheinbar Freundinnen und später ein älteres Ehepaar. Aber, es wären keine Offenbacher, wenn sie nur des Regens wegen hereinschauten. Nein, sie haben artig ihre Zeitung gelesen, sind neugierig auf die neue Einrichtung, denn so ein wirkliches Kaffeehaus am Wilhelmsplatz ist ein Novum. Und scheinbar eines, das man herbeigewünscht hat, denn mit der Zeit kommen immer mehr Gäste herein. Alle bewundern die prächtigen Torten, die von der Konditorei Kinnel bezogen werden. 

Zwei Damen denken bei Sahne und Creme an ihre Figur. "Ich hab' so zugenommen", sagte die Dunkelhaarige. "Aber noch nicht bei mir", gibt der neue Wirt schlagfertig zu bedenken. Alle lachen und man einigt sich auf den hauseigenen Rotweinkuchen. Eine Sehnsucht nach Selbstgemachtem, nach Gutem wie von Oma, ist spürbar und scheinbar ein wirklicher Trend in unserer sonst so von Technik und virtuellem Vergnügen geprägter Zeit. Und ich werde bestimmt noch so manch' regnerische Schreibstunde hier verbringen.



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