Montag, 5. Dezember 2011

Vergessene Stadtvillen, verwaiste Tankstellen und eine entjungferte Eisdiele

Ich lasse die Zwiebelkuppel und das schlanke, weiße Minarett hinter mir. Nach einem Interviewtermin am Ortseingang von Bieber, beschließe ich von dort aus in die Stadt zurückzuwandern. Immer die Bieberer lang. An der alten Matofabrik geht es los. 

Ich kenne diesen Weg. Vor vielen Jahren bin ich ihn oft gelaufen. Wenn ich Mathe gelernt hatte, mit meiner Freundin Bille, die mit ihren Eltern in einer Alten Schuhfabrik an der Bieberer wohnte. Wir gingen damals aufs Abendgymnasium in der Geleitsstraße und machten uns immer zwischen vier und fünf auf den Weg in die Stadt. Die Nachmittage bei Bille waren meine späte Hippiezeit. Wir saßen auf der Terrasse der Fabrik, tranken Tee aus Tontassen und Bille drehte die elegantesten Joints, die ich im Leben geraucht habe, und bevor ich sie kannte, hatte ich nie einen geraucht. 

Ich überquere die große Kreuzung an der Rhönstraße stadteinwärts. An dieser Stelle ist die Bieberer fast noch Autobahn. Viel zu breit für die schönen, villenartige Stadthäuser zu beiden Seiten. Schon damals, als ich mit Bille hier lang lief, und wir aus heutiger Sicht beneidenswert jung waren, fielen uns diese schönen Häuser auf. Ich komme mir wie in einem Zeitraffer vor, an diesem sonnigen Nachmittag. Was ist anders? Nur ich? Oder sogar nicht einmal ich?

Es tut mir immer noch weh, wie hier die Autos vorbeirauschen und die Stadtvillen immer schwärzer und schwärzer machen. Ihre Schönheit konnte sie nicht schützen, vor der modernen Stadtplanung. Eines von ihnen, nah der Landgrafenstraße, scheint etwas vernachlässigt, vielleicht verlassen und deshalb von einem besonderen Zauber umgeben – als wäre es gar nicht von dieser Welt.

Haus-des-Wachtmeisters-Slama

Darauf weißt schon der morsche, gänzlich bemooste Bretterzaun entlang eines riesigen Gartens hin. Immer mal wieder fehlt eine Latte und ich kann einen Blick erhaschen auf alte Obstbäume. Das Haus ist aus rostroten Klinkersteinen gemauert und zum Garten hin erhebt sich ein verspielter Spitzgiebel mit Schieferdach und großem Balkon darunter. Hier könnte man wunderschön frühstücken – mit Bille zum Beispiel, aber die ist längst weggezogen. 

Mit seinen Metallspitzen an Dach und Giebeln sieht es aus wie ein Landhaus irgendwo im Osten. Es ist so ein Haus, wie aus einem Roman von Joseph Roth, den wir damals in Deutsch lasen. Das Haus des Wachtmeisters Slama in Mährisch Weißkirchen zum Beispiel, dessen schöne Frau den jungen Protagonisten des Radetzkymarschs ins Wanken brachte. Dort hat es natürlich nicht an einer großen Straße gestanden, sondern eher am Ende eines vergessenen Ortes. Der Eingang des Hauses sieht etwas neuer aus. Die Tür scheint irgendwann erneuert, Namensschilder sind lesbar. Der Name Slama ist nicht darunter. Gerade als ich ein Foto mache, ist ein Geräusch zu hören. Ich beschleunige meinen Schritt. 

Ein Stück weiter auf der linken Seite leuchtet blütenweiß eine verwaiste Tankstelle, in der typischen Architektur der sechziger Jahre, mit einem schönen halbrunden Dach. Vielleicht gehört sie niemandem. Jedenfalls gibt es kein Zeichen einer menschlichen Besiedelung. Ich wundere mich, dass sie trotzdem stehengeblieben ist, wie das Wahrzeichen einer verblühten Ära in nahezu Hopperscher Manier. In diesem Sinne könnte ich diese Tankstelle eine Weile beleben, sie zum Sinnbild menschlicher Verlorenheit in einer anonymen Großstadtkulisse machen. 

Tankstelle

Doch vor mir, Richtung Bahnüberführung, lockt schon ein anderes Bild. Im Blau des Herbsttages überwältigt es mich fast – das könnte Berlin sein oder gar New York. Beschreibungen des Viertels um die Brooklyn Bridge von Henry Miller kommen mir in den Sinn beim Anblick der Eisenbrücke mit ihren winkligen Streben. Dahinter buchstäblich aufgetürmt, eine scharfes Übereinander von Schön und Hässlich: Schwarze Stromleitungen im Knäuel, die üppigen ockerfarbenen Rundungen der Marienkirche, stahlblau und unnahbar glitzernd, der Citytower. So etwas zwingt zum Hinsehen. Zum Hinsehen und zu einem Gedanken darüber, welche Zeiten diese Stadt durchlebt hat. 

Unter der Brücke ein Stück Niemandsland. Keine Menschenseele, nur ein kleiner grauer Bauwagen und ein rotblaues Verkehrsschild. Eine Kulisse für ein Leben, das in Hoffnungslosigkeit beginnt. In einer Hoffnungslosigkeit, die keine Erwartungen weckt und einen Menschen deshalb mit Dankbarkeit ausstattet und mit einem Optimismus, der für ein ganzes Leben reicht. Vielleicht sind deshalb die Menschen hier von einer gewissen Unbekümmertheit – und Stolz.

Brooklyn-Bridge

So wie der Wirt des Tri Am, eines kleinen Lokals gleich rechter Hand. Ein Vietnamese und Offenbacher Original zugleich, mit langem, dünnen Bart und strengem Blick. Er schreibt seine Speisekarten selbst. Kleine kalligraphische Kunstwerke. Seine Empfehlungen dulden kein Widerwort und sind immer gut. Mit dem Tri Am wird die Bieberer zu einer kleinen kulinarischen Abenteuermeile, die Mut erfordert, aber auch die Neugier weckt. Schräg gegenüber in der Bismarckstraße ist ein neues italienisches Lokal eingezogen: Il Pistacchio. Hier serviert man selbstgemachte Pasta. Etwas weiter kommt ein weißes Schlösschen, das Monte Christo, heute ein russisches Lokal. Früher hieß es Lucullus und war ein gehobenes Restaurant. Hierhin wurde Bille von unserem Bibliothekar ausgeführt – und ich ging als Anstandsdame mit. 

Weiter stadteinwärts über den Mathildenplatz mit der Marienkirche, die als einzige in der Stadt wie eine Kirche aussieht. Links ein indisches Lädchen mit wahnsinnig guten Mangos. Die Präsentation der Waren ist sehr indisch, ein kleines wohlgeordnetes Chaos: Ein Turm Kichererbsendosen halten die Tür auf. Rechts im Schaufenster eine Gemüseregal mit strubbeligen Bittergurken und Okraschoten. Links die Theke mit rosaroten und giftgrünen Süßigkeiten. Im Hinterzimmer säckeweise Reis. Es duftet nach Räucherstäbchen, Mangos und Curry. 

Schräg gegenüber befindet sich ein nahezu heiliger Ort: Das ehemalige Cortina Eiscafé – heute San Carlo und eine eher zwielichtige italienische Spelunke. Mit seinem obszön fetten Schriftzug des Namens und den abgeklebten Fenstern, scheint der Ort auf eine brutale Art seiner einstigen Jungfräulichkeit beraubt. Das Cortina war ein Ort der Sehnsucht. Es bedeutete Sommer und Schule schwänzen oder Hitzefrei. Hier machte ich mit Bille vor dem Beginn der Abendschule Station. Und oft stieß Yvonne zu uns. Wir bestellten Milchmix Himbeer oder Nuss oder Orange. Eisbecher konnten wir uns nicht leisten. An einem besonders heißen Tag saßen wir vor der schönen Fototapete mit den drei Zinnen, ganz hinten im Café, wo sich die Tür zum Klo befand. Bille hatte am Vorabend ein Briefchen zugesteckt bekommen, von Klaus. Und sie wusste nicht, was sie antworten sollte. Denn da half keine Logik, wie in Mathe. Yvonne und ich schoben uns die Antwort hin und her, schrieben abwechselnd einen Satz, zwischen Nähe und Schüchternheit, Raffinesse und Naivität. Gerade war ich dran, da kam unsere Lieblingskellnerin mit ihrem kleinen ovalen Tablett und drei hohen Gläsern. Sie versuchte etwas von dem Geschriebenen zu erhaschen und ich versuchte es mit einer schnellen Handbewegung zu verbergen. Das kleine ovale Tablett kam ins Wanken, die Gläser ins Schleudern und in einem weißen Schwall ergossen sich die Milchmixe über den Tisch, unsere Briefchen und flossen genau in meine Richtung, an der Kante des Tisches hinab in meine Schultasche aus hellem Leinenstoff. Wir sprangen auf. Die Bedienung setzte das Tablett ab, lief nach Handtüchern und ich stülpte in Windeseile den Inhalt meiner Schultasche auf einen der Nachbartische, um wenigstens die Bücher zu retten. Wir tupften und wischten bis der Schaden einigermaßen behoben war. Die Lieblingsbedienung brachte uns weitere Milchmixe – aber den Geruch von saurer Milch mit einem Anflug Himbeere bekam ich aus meiner Schultasche nie wieder ganz heraus.

Jahre später endet mein Stadtspaziergang im Tafelspitz, besser gesagt draußen auf der schönen Terrasse am Wilhelmsplatz. Die Sonne scheint auch heute und der Platz mit seinen hübschen Häusern und den vielen Cafés prangt und blitzt. Ich bestelle einen Topfenstrudel mit Zwetschgen und fühle mich nicht mehr wie unter der Brooklyn Bridge, sondern fasst ein bisschen wie in einem Stadtgarten im Ersten Wiener Bezirk. Und das ist vielleicht der Grund, warum ich nie weggegangen bin: In dieser Stadt gibt es ein Stückchen von allem.

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