Freitag, 30. November 2012

In der Ideenbäckerei

Nun saß ich also in diesem schönen Raum, blauweiß gefliest an den Wänden, Pfeffer und Salz am Boden. In diesem Raum, in dem schon viel gebacken wurde. Sechzig Jahre lang Brote, danach Ton - und nun also Ideen. Ich darf Sie begrüßen in meiner "Ideebäckerei" hatte der Hausherr gesagt - der Hausherr von Peters' Bakery in Offenbach. 

Und damit war ich preisgegeben hinter meiner grünen Lampe. Preisgegeben zweiundsiebzig Ohren und zweiundsiebzig Augen - die ich zum Glück nicht sah. Ich sah nur die grauen Konturen von Köpfen und Schultern und weiter hinten die skurrile Lampe über dem langen Tisch. Eine Lampe aus Treibholz und Glühbirnen, ein Designerstück des Hausherren, das etwas von einem Hirschgeweih hat, ein sehr expressionistisches Hirschgeweih - vielleicht passt sie deshalb so gut in den Raum. 

Und vor mir mein Blatt. Das erste Blatt eines Kapitels, das ich vorlesen wollte, mit meinen Worten darauf, die nun nicht mehr mir gehörten, die ich nun freiließ Stück für Stück. Sie fielen in den Raum, zuerst leicht unrhythmisch, etwa wie eine Maschine, die erst ins Laufen kommen muss, dann immer gleichmäßiger wie das Ticken einer alten Uhr, die ja auch mit ihrem Ticken den Menschen immer etwas von ihrer Zeit nimmt. Ich lauschte meinen eigenen Sätzen, wie sie da in die Stille trafen, in die Stille, die nur einmal vom Brummen eines Handys durchbrochen wurde und einmal von einem schüchternen Hüsteln. Doch ich machte immer weiter, fuhr fort, meine Worte aneinander zu reihen, denn deutlich vernahm ich in der Stille die gespannte Erwartung des nächsten Wortes. 

Ich wusste ja, wie das enden würde, wusste ja, dass ich diese Erwartungen enttäuschen würde - nicht mit Worten, sondern mit dem, was meine Protagonisten taten und mit dem, was ihnen infolgedessen zustieß. Ich hätte immer so weiterlesen können - aber darüber wäre es dann wohl Weihnachten geworden. 

Gestern aber las ich nur dieses eine Kapitel und ich kann nur sagen, die Ideebäckerei hat Nachwirkungen. Sie äußern sich in Worten und Sätzen, die mir in den Sinn kommen, in einer Art Schreibzwang, der mich heute erfasst. Dabei muss ich an Henry Miller denken, der des öfteren sein Schreiberlebnis schilderte und schrieb, dass er den Wendekreis des Krebses wie unter einem Diktat geschrieben habe. Ich bin mal gespannt, wo dieses "Diktat" mich hinführt.

Wenn mir mal die Worte fehlen, weiß ich jedenfalls wohin. Ich werde um Asyl bitten, in der Offenbacher Ideenbäckerei.


 



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